Die Pius-Phobie PDF Drucken
Dienstag, den 19. Juli 2011 um 16:00 Uhr

Was haben Altötting in Niederbayern und Krumbach in Niederösterreich gemeinsam? An beiden Orten versammeln sich mehrere hundert Gläubige der Piusbruderschaft, um die von Papst Benedikt ausdrücklich gewünschte Messe im überlieferten Ritus zu zelebrieren.

Was machen die verantwortlichen Kirchenvorsteher? Sie reagieren genau gleich: Sie versperren der Bruderschaft die Kirchen!

Lesen Sie hier nach, was genau sich am Sonntagnachmittag um 17.00 Uhr vor der Gnadenkapelle in Altötting abgespielt hat.

Alle außer Pius

Die Ablehnung der Piusbruderschaft in Altötting und Krumbach ist umso skurriler, da sowohl in Wien als auch in München die religiöse Gastfreundschaft anscheinend keine Grenzen kennt.

In Wien durften Moslems und Juden in die Kapuzinerkirche, um dort ihre Gebet zu sprechen, in München plant man für September das große „Friedenstreffen“, zu dem schon jetzt angeblich 400 Vertreter aller möglichen Religionen und Weltanschauungen angemeldet sind.

Also offene Türen - wohin man blickt. Nur nicht für die "Weltanschauung" der Piusbruderschaft.

Dabei war Prälat Ludwig Limbrunner noch so "großzügig", die Priester und Gläubigen der Pius-Wallfahrt vor der Gnadenkapelle aufzuhalten, um ihnen mitzuteilen, dass die Gnadenkapelle zwar offen stehe, jeder aber nur einzeln und still ein Gebet verrichten dürfe.

Es ist Sonntagabend, ca. 16.40 Uhr, vor der Kapelle in Altötting beginnt es, aus Kräften zu regnen.

Wer jetzt sagt, dass sei doch ein brüderliches „Entgegenkommen“, dem muss man kurz die Augen öffnen: Alles andere als die geöffnete Tür der Wallfahrtskirche wäre gegen die elementarsten Menschenrechte, auf die man seit dem Konzil immer pocht: "Niemand darf durch einen Staat, eine Institution, eine Gruppe von Personen oder eine Einzelperson aufgrund seiner Religion oder Überzeugung diskriminiert werden.“ (Art. 2)

Der Herr Prälat darf ja gar niemandem die Wallfahrtskirche versperren, wenn er dort still beten will und sich somit an alle Vorschriften des öffentlichen Rechts hält. Auch keinem Moslem oder Hindu oder Atheisten. Wo leben Sie denn, Herr Prälat Ludwig Limbrunner?

Eine Peinlichkeit im Vorfeld

Worum es wirklich geht, ist der Ausschluss aus der Kirche für das Messopfer. Man habe nicht gewusst, so der Prälat, dass es die Piusbrüder seien, die da im päpstlich anerkannten Ritus zelebrieren wollen. Die Verantwortlichen von Altötting seien getäuscht worden. Wenn man das gewusst hätte, hätte man niemals die Erlaubnis gegeben (siehe Beitrag von pius.info vom 17. 7.).

Bevor wir diese Argumentation durchleuchten, eine Peinlichkeit vorweg: In der Anfrage stand ausdrücklich: Die Messe wird Pater Franz Schmidberger zelebrieren. Man sollte – wenigstens in kirchlichen Kreisen – wissen, wer Pater Franz Schmidberger ist. Zwar behauptete Prälat Limbrunner im Gespräch vor der Gnadenkapelle allen Ernstes, er habe den Namen noch nie gehört.

Aber das klingt so plausibel, wie wenn ein BMW-Abteilungsleiter behauptet, er habe den Namen Ferdinand Porsche noch nie gehört. Man sollte die Konkurrenz kennen, auch wenn sie unliebsam ist.

Aber zurück zu den Fakten: Die Argumentation lautet: Keine Kirche für Pius.

Warum?

Scheingründe

Eines ist klar: Die Exkommunikations-Granate lässt sich nicht mehr zünden. Papst Benedikt hat sie entschärft. Die Liturgie-Verweigerung ("Die Piusbrüder lesen ja die 'falsche' Messe") kann auch niemand mehr ins Feld führen: Der Ritus der Priesterbruderschaft ist seit 2007 auch im nachkonziliaren Rom wieder anerkannt.

Aber einen Strohalm gibt es noch, an den sich Prälat Ludwig Limbrunner und seine Mitbrüder klammern können: Das Kirchenrecht. Die Bruderschaft hat noch keinen "kirchenrechtlichen Status".

Kleiner Blick über die Suppenschüssel dieses innerkirchlichen Grabenkampfes: Einen "kirchenrechtlichen Status" haben die Protestanten schon seit 500 Jahren nicht mehr, und sie werden ihn auch nie mehr bekommen, weil sie nämlich die ganze Kirche mitsamt dem „Antichristen, der der Papst ist“ (M. Luther), ablehnen. Viel schlimmer noch: Sie sind – im Gegensatz zu Pius – seit dem Jahr 1520 immer noch exkommuniziert.

Man stelle sich Folgendes vor: Eine Gruppe von 400 Protestanten zieht zur Gnadenkapelle von Altötting. Hätte sich Herr Prälat Limbrunner auch so beeilt, um sich am Eingang als „Wächter des Heiligtums“ zu postieren und die Protestanten aufgrund ihres „mangelnden kirchenrechtlichen Status“ (und ihrer immer noch andauernden Exkommunikation) darauf hinzuweisen, dass sie nicht gemeinsam laut vor der Gnadenkapelle beten dürfen?

Das wäre eine Schlagzeile für alle Boulvard-Zeitungen geworden: "Fundamentalistischer Prälat verbietet Protestanten gemeinsames Gebet vor der Gnadenkapelle."

Aber mit den Piusbrüdern kann man es ja machen.

Es sieht also sehr schlecht aus für die Glaubwürdigkeit des Feigenblattes des „kirchenrechtlichen Status“, ganz abgesehen davon, dass man schon seit über einem Jahr in Gesprächen mit Rom ist und genau diese Frage in den nächsten Monaten in den Fokus der Verhandlungen kommt.

Auch das hätte Prälat Limbrunner wissen können, wenn er sich im Vorfeld informiert hätte.

Es muss also einen anderen, einen wirklichen Grund geben für diese, man nenne sie ruhig offen beim Namen, für diese Pius-Phobie: die Angst vor den Piusbrüdern.

Die wahren Gründe

Zwei Gründe stechen geradezu ins Auge:

Der erste ist: Die Piusbrüder sind nicht "kompatibel". Nicht integrierbar in das neue Selbstverständnis der Konzilskirche. Letztere sagt nämlich seit dem II. Vatikanum nicht mehr: Es gibt nur eine wahre Kirche, nur einen wahren Glauben, nämlich den an Jesus Christus. Die Konzilstheologen sehen sich vielmehr als ein Teil unter vielen Religionen und Wegen. Jeder Weg hat seine Berechtigung und seinen Wert. Und niemand darf sagen, sein Weg sei der wahre.

Da kommen diese jungen Piusbrüder und behaupten ohne jede Schwierigkeit: Klar ist unser Glaube der wahre!

Und zu allem Überdruss ist ihre Argumentation sogar noch logisch: Unser Glaube ist deswegen der wahre, weil wir ihn nicht selber erfunden haben (wie Luther oder John Wesley oder wer auch immer) oder weil wir ihn – wie das heute fast jeder Konzilskatholik praktiziert – selbst zusammengestellt haben aus allen möglichen Weltanschauungen und Praktiken (ein bisschen Mantra, ein bisschen Yin und Yan, ein bisschen Hildegard von Bingen...), sondern weil es der Glaube ist, den die Kirche seit 2000 Jahren unverändert ihren Gläubigen zu glauben vorgibt. Niemand, auch kein Papst, Kardinal, Bischof oder Priester, Laie oder Ordensmann, darf an diesem Glauben etwas ändern, etwas hinzufügen oder weglassen, das zum Wesen, ausgedrückt in den Dogmen, gehört.

Katholisch eben, so wie es unsere Väter und Vorfahren waren.

Damit in Zusammenhang steht der zweite Grund für die "Pius-Phobie": Die Priesterbruderschaft St. Pius X. ist wie ein Spiegel, in dem die Konzilsgeistlichen ihre eigene Vergangenheit erblicken, die sie hemdsärmelig und mit schweißtriefender Anstrengung selbst und höchstpersönlich vor 50 Jahren über Bord geworfen haben.

Genau diese von Pius propagierte Unbedingtheit in der Glaubensverkündigung sowie die heilige, ehrfürchtige und triumphale Liturgie, die man glaubte, endlich los zu sein, kehrt zurück, und zwar nicht nur die Liturgie, sondern mit ihr unzählige Jugendliche, Familien, Seminaristen, Ordensberufungen. Und der Papst selbst ist zudem dem Ritus und den Piusbrüdern auch noch wohlgesonnen.

Das tut weh. Das führt unweigerlich zu einer Phobie, einer Art Angstzustand.

Denn das muss dem Prälaten auch klar sein: Die Diskussion mit ihm im strömenden Regen vor der Gnadenkapelle, in der er der Priesterbruderschaft St. Pius X. das Gebet VOR – ja Sie haben richtig gelesen – VOR der Gnadenkapelle verbieten will, diese Diskussion dauerte länger als die gesamte Ansprache und das geplante Gebet.

Dabei wollte Pater Dickele gar keine Hetzrede halten oder ein Kompendium der nachkonziliaren Systemkritik vortragen. Er wollte einfach nach hundert Kilometer Fußwallfahrt allen Teilnehmern und Organisatoren danken. Einfach am Heiligtum nochmals die Muttergottes anrufen, zu der man drei Tage lang mit Hingebung gebetet hatte. Hätte Herr Prälat Limbrunner nur einmal, ein einziges Mal gefragt, was denn der Inhalt der Schlussansprache sei, Pater Dickele hätte sie ihm sogar schriftlich geben können.

Aber so viel Kommunikation war nicht möglich, der "Kirchenwächter" kam bereits mit dem festgefahrenen Schlachtplan: Keine Kundgebung für Pius. Das ist so bei Phobien: Sie führen zu einer Art Zwangsvorstellung, die im wahrsten Sinn des Worten „überall den Teufel an die Wand malt".

Jedenfalls gaben die Wallfahrer nach: Man ging fünfzehn Meter nach hinten, auf den Platz, über den nicht die Kirche verfügt, sondern der Staat. Dort sprach Pater Dickele eben diesen Dank und das Abschlussgebet.

Das also hat Herr Prälat Limbrunner durch seinen unerschrockenen Einsatz bewirkt. Dass die Piusbrüder nur in fünfzehn Meter Entfernung vom Heiligtum gemeinsam beten durften.

Es ist so skurril, dass man glaubt, man sei in einem ganz, ganz schlechten Film oder einem peinlichen Theaterstück.

Zwei Ratschläge

Zwei Punkte seien Herrn Prälat Ludwig Limbrunner daher zum Abschluss wärmstens empfohlen:

Erstens dann und wann nationale Kirchennachrichten zu lesen. Der Name des deutschen Distriktoberen und ehemaligen Generaloberen und engsten Mitarbeiters von Erzbischof Marcel Lefebvre, Pater Franz Schmidberger, kann in Timbuktu oder Usbekistan unbekannt sein. Sollte es aber nicht wirklich in Deutschland.

Zweitens ist es nicht eindeutig geklärt, ob die fünfzehn Meter Entfernung, die er der Piusbruderschaft beim Abschlussgebet abgerungen hat, theologisch wirksam waren. Gebete sind bekanntlich nicht an Raum und Zeit gebunden. Menschlichkeit, Rücksichtnahme und Gemeinschaftssinn schon. Insofern ist es fraglich, ob das Verhalten von Prälat Ludwig Limbrunner bei Außenstehenden auf großes Verständnis stoßen wird.


 
 
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