Ansprache des ehem. Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann PDF Drucken
Montag, den 05. September 2011 um 14:44 Uhr

Ansprache am 3.9.2011 in Fulda anlässlich der Deutschlandwallfahrt

 

Sehr geehrte hochwürdige Herrn, verehrte Gläubige,

als ehemaliger Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Fulda heiße ich Sie herzlich willkommen. Was uns verbindet, ist die feste Verwurzelung im katholischen Glauben und die Liebe zur Tridentinischen Messe. Glücklich, wer diese Orientierungspunkte hat. Er hat es in den Stürmen und Bedrängnissen unserer heutigen Zeit leichter als andere, „die sehen und doch nicht sehen, die hören und doch nicht verstehen.“ (Lk 8,10) Keineswegs dünken wir uns besser als andere, aber eines ist unsere Gewissheit: Wir haben „den Schatz im Acker gefunden“, wir haben die „kostbare Perle“ erworben (Mt 13, 44 – 46). Und so können wir sagen: „Die Freude am Herrn ist unsere Stärke (Neh 8, 10).

 

Die Nationalwallfahrt des Deutschen Distrikts zum Grab des heiligen Bonifatius stellt heuer die Bewahrung und Verteidigung der christlichen Familie in den Mittelpunkt. Die Leitworte lauten „Aus Liebe zu Vaterland und Kirche! Aus Liebe zu unseren Kindern“. Liebe zum Vaterland, Liebe zur Kirche, Liebe zu unseren Kindern. Ein wunderbarer Dreiklang. Das Vaterland: seine Kultur, seine Landschaften, seine Menschen haben uns geprägt. Die Kirche: sie ist unsere Mutter und Lehrerin, ihr verdanken wir das Geschenk unseres Glaubens. Unsere Kinder: sie sind sichtbarer Ausdruck unserer Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes, sie sind unsere Zukunft. In unseren christlichen, in katholisch geprägten Familien, gibt es viele Kinder. Für entschieden katholische Mütter und Väter sind Kinderreichtum und Kindersegen keine Fremdworte. Das ist auch hier und heute zu sehen. Und dafür sind wir alle dankbar. Ich beglückwünsche Sie zu jedem ihrer Kinder, beziehungsweise Enkelkinder.

Andererseits gibt es immer weniger Kinder in Deutschland, die Zahl der Geburten nimmt ständig ab. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Furcht vor Katastrophen und Zukunftsangst wird ebenso angeführt wie unzureichende Fremdbetreuung, die schlechte eigene Finanzsituation, Wohnungsschwierigkeiten oder allgemeine Kinderunfreundlichkeit. Über einen Grund herrscht in den Medien und in der Politik sozusagen ein dröhnendes Schweigen. Es ist die Abtreibung. Wenn ich im Folgenden von Abtreibung spreche, dann meine ich grundsätzlich Abtreibung als Massenphänomen, nicht den Einzelfall. In den letzten 30 Jahren starben in Deutschland 8 Millionen ungeborene Kinder durch Abtreibung. Das übertrifft die derzeitige Einwohnerzahl der Millionenstädte Berlin, Hamburg, München und Köln zusammen.

Schauerliche Einzelheiten dieses täglichen Gemetzels will ich uns ersparen. Schlaglichtartig möchte ich die folgenden Fragen beleuchten:

1.- Wie kam es in einem christlich geprägten Land zur Einführung der praktisch straflosen Abtreibung?

2.- Wie wirkt sich die Abtreibung auf die Psyche des Einzelnen und die Volkesseele aus?

3.- Was können wir tun?

Erstens: Wie kam es dazu? Nach den Studentenunruhen des Jahres 1968 gewann auch in der breiten Bevölkerung das Schlagwort von der „repressiven christlichen Sexualmoral“ und der folglich nötigen Befreiung des Individuums großen Raum. Selbstverwirklichung war angesagt. Dies galt als „gesellschaftlicher Fortschritt“. Die sozialliberale Koalition beschloss in den 1970er Jahren eine Fristenlösung. Das Bundesverfassungsgericht billigte letztendlich die Abtreibung mit Beratungspflicht. Auch die katholische Kirche ließ sich zunächst in das System einbinden und stellte Beratungsscheine aus. Nach Intervention von Erzbischof Johannes Dyba, der mir väterlicher Freund war, und auf Weisung von Papst Johannes Paul II. wurden keine kirchlichen Beratungsscheine mehr ausgestellt.

Die Schlagworte Fortschritt, Freiheit und Selbstverwirklichung versprachen eine lebenswerte Zukunft für das Individuum. Ähnliche Parolen bildeten übrigens die propagandistische Grundlage für die französische Revolution, für die kommunistische Oktoberrevolution und für den revolutionären Umbruch in China. Das Fortschrittsmantra nahm für sich „Modernität“ und eine überlegene Moral in Anspruch. Dem ist jedoch strikt zu widersprechen. Ethisch-moralischen Fortschritt gibt es nicht. Technologischen Fortschritt, den gibt es. Moral unterscheidet nach gut oder böse, richtig oder falsch. Kann es richtig sein, die Schwächsten und absolut Schuldlosen ohne Gerichtsverfahren dem Tod zu überantworten? Kann es richtig sein, dass „in der Mitte unserer Gesellschaft“ massenweise getötet wird? Kann es richtig sein, daß die, die leben durften, sich das Recht herausnehmen, anderen das gleiche Recht zu verweigern?

Ja, wahrhaftig, der Tod ist ein Meister in Deutschland. Im Grunde wissen es alle. Die meisten nehmen es inzwischen achselzuckend hin. Der 68er Zeitgeist hat praktisch ein neues „Supergrundrecht“ geschaffen: das Recht auf „befreite Sexualität“, also auf zügellose, schrankenlose Sexualität. Zugespitzt gesagt, die sexuelle Gier wurde mit Verfassungsrang ausgestattet. Das Lebensrecht und die unantastbare Menschenwürde, die auch dem ungeborenen Menschen nach Art. 1 Grundgesetz zustehen, mussten weichen.

Kommen wir zur zweiten Frage: Wie wirkt sich die Abtreibung auf die Psyche, auf das Innenleben des Einzelnen und unseres Volkes aus? Die Einführung der straffreien Abtreibung war für das innere Gefüge unseres Landes nach meinem Ermessen von größerer Bedeutung als beispielsweise die Errichtung von Mauer und Stacheldraht. Zwar war blieb die Todesstrafe offiziell abgeschafft, aber ein staatlich geduldetes, ja sogar gefördertes Töten, wurde eingeführt. Mit wenigen Stimmen Mehrheit im Parlament wurde das Tötungstabu beseitigt. Das Gerechtigkeitsdefizit ist unübersehbar. Das Böse hat sich unter den Tarnbegriffen Freiheit, Fortschritt, Selbstbestimmung „in der Mitte der Gesellschaft“, mitten im Volk eingenistet und es wirkt. Wovor sollen Regierung und der Gesetzgeber jetzt noch zurückschrecken? Dem Machbarkeitswahn sind keine Grenzen mehr gesetzt. Das zeigen die Embryonengesetzgebung, das gesetzgeberische Promovieren der praktizierten Homosexualität - in ihr sieht der heilige Apostel Paulus ein Indiz und eine Folge von Gottesferne – und finanzpolitische Vorhaben. Dass unter dem Stichwort politische Korrektheit neue Tabus, gleichsam Ersatztabus, aufgerichtet wurden, dient der Ablenkung vom und Verschleierung des zentralen Tabubruchs.

Welchen Dammbruch die faktische Freigabe der Abtreibung bewirkt hat, zeigt sich auch auf einem anderen Gebiet. Die öffentlichen Schulden, die Staatsschulden begannen ungefähr zur gleichen Zeit bedrohlich anzusteigen und haben jetzt ein katastrophenträchtiges Ausmaß erreicht. Der zeitliche Zusammenhang ist nicht zwingend. Der innere Zusammenhang ist es aber. In beiden Fällen zeigt sich eine tiefe Verachtung und Geringschätzung für die nächste Generation und ein robuster Egoismus für die eigene Generation. Via Kredit setzen Politiker im großen Stil das Geld von morgen ein, das Geld unserer Kinder und Enkel, um heute ihre Wahlchancen zu verbessern. Wenn der eigene Nachwuchs unter Verstoß gegen das fünfte Gebot getötet werden darf, dann ist es ein weit geringerer Eingriff unter Verstoß gegen das siebte Gebot dem überlebenden Rest im Wege der Staatsverschuldung die Kosten für den eigenen Konsum aufzubürden. Kurz gesagt: Die Einen werden umgebracht, die Anderen im Wege der Kreditaufnahme - nur – bestohlen.

Aber auch beim einzelnen Menschen hat die Abtreibung tiefgreifende Folgen. Die Gewissensplagen der betroffenen Frauen werden gerne heruntergeredet. In vielen Fällen bleibt eine lebenslange Belastung. Nicht wenige Männer haben Schuld als Anstifter zu tragen. Mittäter, Mitwisser sind Legion.

Was meines Wissens bisher überhaupt nicht beachtet wird, ist die Frage: Wie wirkt sich die Abtreibung bei den Überlebenden, den Davongekommenen aus? Mehr als eine Generation junger Menschen –soweit sie nicht in wirklich christlichen Familien aufgewachsen sind - lebt mit dem Wissen, potentielles Abtreibungsopfer gewesen zu sein. Wie wirkt sich das auf das Urvertrauen, auf das Verankertsein im Leben aus?

Welche Folgen hat es, wenn eine überforderte Mutter ihrem heranwachsenden Kind in der Hitze einer Auseinandersetzung entgegenschleudert: „Hätte ich dich nur abgetrieben!“. Haben manche unerklärlichen Gewaltexzesse von jungen Menschen hier vielleicht ihre tiefere Ursache? Wer tödlicher Gewalt knapp entronnen ist, tendiert oft selbst zur Anwendung von Gewalt. Gewalt gegen andere oder Gewalt gegen sich selbst. Das Vorbild der Abtreibung favorisiert einen verwerflichen Lösungsansatz: Wenn etwas im Wege ist, dann weg damit, Hindernisse radikal ausschalten, eliminieren. Notwendig ist aber das Gegenteil: das Annehmen, das Ertragen, das Durchtragen, die Geduld. Nebenbei gefragt: Wie soll man Befürwortern der Abtreibungsgewalt ihre stets erhobene Forderung nach sensiblem, gewaltfreiem Umgang mit Mensch und Umwelt glauben? Das ist doppelter Standard und reinste Heuchelei.

Fazit: Die Abtreibung hat eine staatlich geförderte, institutionalisierte Brutalität erzeugt. Papst Johannes Paul II. hat sie „Kultur des Todes“ genannt. Sie ist der Bruch schlechthin in der Kultur unseres demokratisch verfassten Landes und anderer christlich geprägter Nationen. Der moralische „Supergau“. Gleichsam eine zweite Ursünde.

Eine Konsequenz der 8 Millionen Abtreibungsopfer ist der öffentlich beklagte Fachkräftemangel. Er ist zugleich ein erstes Vorzeichen für einen unausweichlichen wirtschaftlichen Niedergang in den kommenden Jahrzehnten. Können wir auf die Einsicht hoffen, die Befolgung von Gottes Gebot „Du sollst nicht töten“ wäre der bessere, der wirtschaftlich erfolgreichere und damit zugleich der vernünftigere Weg gewesen? Jahrzehnte nach der Einführung der Abtreibung zeigt sich: die Achtung vor dem Leben, die unser Herr fordert, ist gleichzeitig der Weg einer Vernunft, die uns auch ökonomisch nutzt. Gelebter Glaube ist letztendlich angewandte Vernunft.

 

Bei Matthäus lesen wir: Suchet zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch hinzugegeben werden (Mt 6, 33). Umgekehrt gilt: Wer nicht primär das Reich Gottes sucht, wird auch alles andere verlieren, zum Beispiel ein Leben in Sicherheit und hinreichender Prosperität.

Nach meiner Einschätzung wird es nicht mehr lange dauern, bis sich die Befürworter der Abtreibung kleinlaut von der öffentlichen Bühne schleichen, die sie so lange beherrscht haben. Auch das blutige Monster des Marxismus ist nach jahrzehntlanger Machtausübung und 100 Millionen Toten in sich zusammengestürzt. Im übrigen haben Lebensschützer einen starken Verbündeten: den natürlichen Selbstbehauptungswillen. Es gilt. Entweder wir schaffen die Abtreibung ab, oder sie schafft uns ab.

 

Dritte Frage: Was ist zu tun? Wie können wir helfen? Lassen Sie mich aus dem zweiten Buch der Chronik zitieren: „Wenn dann mein Volk, über das Mein Name ausgerufen ist, sich demütigt und betet, mein Angesicht sucht und von seinem bösen Weg umgekehrt, dann will ich es vom Himmel erhören, seine Sünde vergeben und sein Land heilen.“  (2 Chronik 7,14)

Bei der Heilung unseres Landes, kommt uns eine Mitwirkungspflicht zu. Der Tridentinische Ritus vermittelt in besonderer Weise einen Begriff des Heiligen. Immer wieder deutlich zu machen, dass alles Leben heilig ist, weil es von Gott kommt, soll unser erster Beitrag zur Rettung unseres Vaterlandes sein. Zum Zweiten wollen wir als Familien Vorbild sein: Wir sollen in anderen die Sehnsucht nach der Geborgenheit und Harmonie einer christlichen Familie wecken. Und drittens braucht unser verwirrtes Vaterland unser Gebet, unser inständiges und unablässiges Gebet.

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