Auf dem Weg zur Staatsreligion PDF Drucken
Sonntag, den 13. Mai 2012 um 13:00 Uhr

hoechste-wesenkultEs ist nicht zu glauben und dennoch wahr: Martin Rieke hat vor kurzem auf Deutschlandradio-Kultur eine "Religion des Staates" gefordert in einem Beitrag mit dem Titel: "Wie der Staat für unser Seelenheil sorgen könnte".

Der Autor bedauert darin, dass die Kirche das "Monopol über die Riten, Symbole" und Werte hält. Das sollte staatlich organisiert werden.

Man ist als Katholik geradezu geschockt und denkt unwillkürlich an die Französische Revolution, die mit dem "Kult des höchsten Wesens" eine Zwangs-Religion des Staates eingeführt hat.

Oder an den prophetischen Roman "Der Herr der Welt", in dem Robert Hugh Benson diese neue Staatsreligion bis ins Detail beschreibt.

(Bild: "Verehrung der Vernunft und des höchsten Wesens" in der freimaurerischen Revolution, auch Französische Revolution genannt)

Deutschland braucht ein Kultus-Parlament  --- Wie der Staat für unser Seelenheil sorgen könnte

Von Martin Rieke

Durch die Trennung von Staat und Kirche wurde das Seelenheil ins Private verbannt und dort allein gelassen. Die Gesellschaft braucht aber einen gemeinsamen Grundkanon von Werten, Ritualen und Symbolen. Diese Aufgabe gehört in die Hände einer staatlichen Institution, meint Martin Rieke.

Arbeitsteilung ist eine feine Sache: In vielen Familien kann ein Partner Karriere machen, wenn der andere die Kinder betreut. In einem Unternehmen sorgt ein Vorstand für den Vertrieb und der andere für Personalentwicklung und Unternehmenskultur. Seit der Aufklärung gibt es auch eine Grundentscheidung für eine Arbeitsteilung in der Gesellschaft: Der Staat verwaltet die weltlichen Dingen, die Kirche sorgt sich um das Seelenheil.

Doch was passiert, wenn einer der Beteiligten seine Aufgabe nicht erfüllt? Wenn die Partnerin nach Hause kommt und feststellt, dass die Kinder verwahrlosen? Wenn die Unternehmenskultur die Mitarbeiter krank macht? Dann sind die Verantwortlichen am Zug. Die Partnerin kümmert sich um die Kinder und stellt den Mann zur Rede. Der Aufsichtsrat besetzt den Vorstand neu.

Auch wir, als Verantwortliche für unsere Gesellschaft, müssen eine Aufgabe neu zuweisen, die Sorge um das Seelenheil, denn seelische Leiden sind zum Massenphänomen geworden. Wenn, laut einer Studie, fast jeder dritte Deutsche einmal im Jahr an einer diagnostizierbaren Störung leidet, dann steht auch die Aufgabenteilung zwischen Staat und Kirche in Frage.

Wie kann der Staat der Seele helfen?

Das wissen die Wissenschaftler inzwischen ziemlich gut. Es können mehr Fähigkeiten vermittelt werden, welche die Psyche stärken. Seit der Aufklärung hat sich hier viel getan. Dies ist auch durch unsere Verfassung geboten, denn wenn der Einzelne in die Unfreiheit einer Erkrankung abrutscht, kann er sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht mehr wahrnehmen.

Doch Hilfe zur Selbsthilfe reicht nicht aus. Und der Mensch möchte in Gemeinschaft leben und hat ein Grundbedürfnis nach Orientierung. Für beides braucht es einen gemeinsamen Bezug: Gemeinsame Werte, Rituale, Symbole und Aktivitäten. Ohne diese Gemeinsamkeiten zerfällt eine Gemeinschaft.

Warum gibt es zum Beispiel keinen Feiertag für die höchsten Werte des Grundgesetzes? Ein Fest der Persönlichkeitsentwicklung. Schulprojekte und eine Kampagne der Begeisterung und Inspiration. Ein Feiern und Wertschätzen dessen, wozu der menschliche Geist fähig ist. Social Marketing im Dienste des Grundgesetzes.

Diese Aufgabe sollte man nicht den Religionen überlassen, schon gar nicht kommerzieller Werbung und Moden, deren Motive niemand durchschaut. Nahezu konkurrenzlos und psychologisch ausgefeilt, besetzen sie derzeit den öffentlichen Raum mit einer profit-orientierten Ethik, permanenter Erotik und Pseudo-Sinnstiftern wie Fußballgöttern oder Promi-Schicksalen.

Eine Alternative müsste her, die einen Grundkanon von Werten, Ritualen und Symbolen anspricht und ein Minimum von Gemeinsamkeit sicherstellt. Diese Aufgabe gehörte in die Hände einer staatlichen Institution, die unabhängig und demokratisch legitimiert, aber ohne Absolutheitsanspruch, in Fragen der Bildung und Kultur mitbestimmt und Stellung bezieht. Ich stelle mir ein Kultus-Parlament vor.

Mit ihm lässt sich die Demokratie weiterentwickeln. Denn durch die Trennung von Staat und Kirche wurde das Seelenheil ins Private verbannt und dort allein gelassen. Wenn wir die Grundvoraussetzung für Freiheitsausübung - gesunde Menschen - nicht gefährden wollen, kann es dort nicht bleiben. Es ist an der Zeit, das Seelenheil aus dem toten Winkel einer überkommenen Arbeitsteilung herauszuholen und unserer Verantwortung füreinander gerecht zu werden.

Das Neutralitätsgebot wird seiner Aufgabe nicht mehr gerecht. Nicht nur der einzelne Bürger, sondern die Gemeinschaft, wir alle müssen artikulieren, welche ethischen Grundwerte den Kindern Halt geben sollen. Denn wenn wir es nicht tun, tun es andere.

Unsere Demokratie ist reif dafür. Und wir - sowieso.

 


 

Als hätte er es in einer Vision gesehen, beschreibt Robert Hugh Beson, ein katholischer Priester, genau diese Sehnsucht des freidenkerischen Menschen der Zukunft.

Seine Vision von der Herrschaft des Antichristen namens "Felsenburg" beinhaltet eine genaue Beschreibung der neuen Staatsreligion. Das Beeindruckende dabei ist: Benson schreibt seinen futuristischen Bestseller bereits im Jahr 1907, als hundert Jahre bevor Herr Rieke in Deutschlandradio einen "Grundkanon von Werten, Ritualen und Symbolen" fordert:

Wie eigenartig und wunderbar es doch war, hier zu sein - gerade an einem so denkwürdigen Abend, an dem der Präsident [Felsenburgh] sprechen würde. Vor vier Wochen hatte er einer ähnlichen Gesetzesvorlage in Deutschland zugestimmt, und in Turin hatte er eine Ansprache über dieselbe Angelegenheit gehalten. Morgen sollte er in Spanien sein.

In der Gesetzesvorlage gab es ein paar Klauseln - vor allen Dingen über den Zeitpunkt des Gottesdienstzwanges für alle diejenigen, die das siebte Lebensjahr vollendet hatten, denen er vielleicht seine Zustimmung versagen würde. In diesem Falle war eine Neufassung der Gesetzesvorlage nötig - es sei denn, dass das Haus seinen Abänderungsantrag durch Akklamation annehmen würde.

Mabel [Anm.: die Frau Olivers, der für die Ideologie von Felsenburg arbeitet] selbst bejahte diese Klauseln. Sie sahen vor, dass, obwohl der erste Gottesdienst in jeder Pfarrkirche Englands bereits am folgenden ersten Oktober stattfinden sollte, der Besuch dieser Gottesdienste erst mit dem Beginn des neuen Jahres für alle Untertanen obligatorisch sein würde.

In Deutschland hingegen, wo die Gesetzesvorlage erst vor einem Monat genehmigt worden war, hatte man diese sofort in Kraft gesetzt und damit alle deutschen Katholiken gezwungen, entweder unverzüglich außer Landes zu gehen oder die gesetzmäßig verankerten Strafen auf sich zu nehmen.

Diese Strafen waren verhältnismäßig milde: Auf der ersten Übertretung dieses Gesetzes stand eine Haftstrafe von einer Woche, die zweite wurde mit einem Monat Gefängnis geahndet, die dritte mit einem Jahr. Der vierte Verstoß hatte eine Gefängnisstrafe von unbestimmter Dauer bis zur Unterwerfung des Schuldigen zur Folge. Diese Strafen hatten nichts besonders Schlimmes an sich, denn selbst unter Gefängnis verstand man nichts weiter, als eine vernunftgemäße Haft und eine Heranziehung zu öffentlichen Arbeiten. Sie hatten also gar nichts Mittelalterliches mehr an sich.

Auch der Akt der Gottesverehrung an sich war leicht zu vollziehen, bestand er doch nur in der Anwesenheit in der Kirche oder Kathedrale an den vier neuen Festen. Diese wurden jeweils am ersten Tage jedes Vierteljahres gefeiert und dienten der Verehrung der Mutterschaft, des Lebens, der Fortpflanzung und der Vaterschaft.

Die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst war jedem Einzelnen freigestellt. Es war ihr unbegreiflich, wie man sich dieser Art von Verehrung entziehen konnte. Diese vier Dinge waren doch Tatsachen, ihr selbst erschienen sie als die Manifestation des Weltengeistes, mochten andere diese auch Macht Gott nennen.

Da auch die Ausübung des christlichen Gottesdienstes unter den normalen Bedingungen nicht verhindert wurde, konnte sie nicht einsehen, warum sich die Christen dieser Regelung nicht fügen wollten. Noch immer konnten die Katholiken zur Messe gehen. Trotzdem waren ungeheuerliche Dinge in Deutschland geschehen, nicht weniger als zwölftausend Katholiken waren nach Rom geflüchtet, und es hieß, dass in den nächsten Tagen weitere vierzigtausend diesen einfachen Akt der Huldigung verweigern würden. Der Gedanke daran war ihr unfassbar und ärgerlich zugleich.

Für sie selbst war die neue Art der Verehrung nur das äußerliche Zeichen des Triumphes des Menschheitsglaubens. Schon immer hatte sich ihr Herz nach etwas Ähnlichem gesehnt, nach einem öffentlichen Bekenntnis dessen, was allgemeines Glaubensgut war. Schon immer hatte sie die geistige Trägheit jener Menschen abgelehnt, deren Handlungen zwar aus dem Glauben geboren wurden, die aber nie nach den Quellen ihres Glaubens forschten. Dieser Trieb, den sie in sich verspürte, konnte nicht falsch sein.

Sie begehrte, mit ihren Mitmenschen an einem feierlichen Ort zu stehen, der nicht von Priestern, sondern von dem Willen des Menschen geweiht war. Sie liebte den süßen Gesang und den Klang der Orgel. Mit ihren Mitmenschen wollte sie dem Weltengeist ihre eigene Schwäche bekennen, Lobeshymnen zur Ehre des Lebens singen und mit Opfer und Weihrauch jenem die Ehre erweisen, dem sie ihr Dasein verdankte und dem sie es eines Tages wieder zurückgeben musste. Wie gut hatten diese Christen das Sehnen der menschlichen Natur verstanden, obwohl sie es degradiert, das Licht verdunkelt, den Geist vergiftet, und das Gefühl verdorben hatten. In einem aber hatten sie Recht gehabt, der Mensch musste etwas verehren oder untergehen.

Sie selbst hatte sich vorgenommen, wenigstens einmal in der Woche zu der kleinen, alten Kirche in der Nähe ihrer Wohnung zu gehen, dort vor dem Heiligtum niederzuknien, über die heiligen Geheimnisse des Lebens nachzudenken, sich dem aufzuopfern, dem ihre ganze Liebe gehörte. Aber vorher musste die Gesetzesvorlage genehmigt werden. Sie umklammerte das Geländer, starrte hinab auf die Reihen der Köpfe unter sich, die breiten Gänge und den großen Amtsstab auf dem Tisch, wobei sie, lauter als das Murmeln der Volksmenge draußen und das Geflüster in dem Saale, ihren eigenen Herzschlag hörte.

Hier und da schien ein Schwanken durch die Menge zu gehen, dann vernahm sie die wenigen Worte, die von einer unsichtbaren, leidenschaftslosen Stimme gesprochen wurden und die in Esperanto verkündeten: „Engländer, ich genehmige die Gesetzesvorlage über den Gottesdienst."

Aus: Robert Hugh Benson: "Der Herr der Welt", England 1907

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Robert Hugh Benson, 1871-1914, konvertierte am 11. Sep. 1903 zur katholischen Kirche und schrieb 1907 sein berühmtestes Werk, den Science-Fiction Roman über das Ende der Welt und die Herrschaft des Antichristen: "Der Herr der Welt". (Gebraucht bei Amazon bzw ZVAB erhältlich)


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