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In dem vorliegenden Interview, das S.E. Bernard Fellay dem Distrikt der USA gewährt hat, werden alle Fragen des Lebens der Kirche und der Priesterbruderschaft St. Pius X. angeschnitten. Es wird keinem Thema ausgewichen. Wir danken dem Generaloberen, dass er sich die Zeit für unsere Fragen genommen hat.
Dieses Interview, das über zwei Tage hinweg geführt wurde, ist sehr empfehlenswert. Es behandelt folgende Fragen: I. Die Lehrgespräche mit Rom; II. Der „Motu-proprio-Effekt“; III. Assisi 2011
Lesen Sie hier den ersten Teil: Die Gespräche mit Rom.
(Bild: Eine schöne Aufnahme von den Gesprächen mit Rom: S. Ex. Msgr. Alfonso de Galarreta mit den Patres Michael Gleize, Benoît de Jorna – Regens von Ecône – und Patrick de La Rocque auf der Loggia des Palastes des Heiligen Offiziums.)
I. Die Lehrgespräche mit Rom (Quelle: www.DICI.org vom 18.02.2011)
1. Exzellenz, Sie hatten sich entschlossen, Lehrgespräche mit Rom aufzunehmen. Können Sie uns nochmals Ihr Ziel nennen?
Man muss hier zwischen dem Ziel Roms und unserem Ziel unterscheiden. Rom hat signalisiert, dass es lehrmäßige Probleme mit der Bruderschaft gebe und dass es diese Probleme abzuklären gelte, bevor es zu einer kanonischen Anerkennung komme. – Die Probleme lägen eindeutig bei uns, denn es gehe um die Annahme des Konzils. Für uns geht es aber um etwas anderes, wir haben den Wunsch, Rom zu sagen, was die Kirche immer gelehrt hat, und daraus die Widersprüche aufzuzeigen, die zwischen dieser Jahrhunderte alten Lehre und dem, was seit dem Konzil in der Kirche gemacht wird, bestehen. Von unserer Seite ist das das einzige Ziel, das wir verfolgen.
2. Welcher Natur sind die Gespräche: Sind es Verhandlungen, Diskussionen oder Darlegungen der Lehre?
Von Verhandlungen kann man nicht sprechen, überhaupt nicht. Zum einen Teil ist es eine Darlegung der Lehre, zum anderen eine Diskussion. Wir haben nämlich tatsächlich einen römischen Gesprächspartner, mit dem wir über Texte diskutieren und über die Art und Weise, sie zu verstehen. Von Verhandlungen kann man aber nicht sprechen, auch nicht von der Suche nach einem Kompromiss. Es geht ja um den Glauben.
3. Können Sie uns noch einmal die dort übliche Arbeitsweise schildern? Welche Themen wurden bisher bereits behandelt?
Unsere Arbeitsmethode ist die schriftliche. Es werden zunächst Texte verfasst, auf die sich das spätere theologische Fachgespräch stützt. Mehrere Themen wurden schon behandelt. Aber ich will diese Frage für den Augenblick in der Schwebe lassen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir zum Ende kommen. Wir haben schon die Runde durch die großen Fragen gemacht, die das Konzil aufwirft.
4. Können Sie uns die Gesprächspartner aus Rom vorstellen?
Es sind Experten, Theologieprofessoren, die auch Berater der Kongregation für die Glaubenslehre sind. Man kann sagen, es sind „Profi“-Theologen. Es handelt sich um einen Schweizer, den Rektor des Angelicum, Pater Morerod, dann um einen schon etwas älteren Jesuiten, Pater Becker, um ein Mitglied des Opus Dei, nämlich den Generalvikar des Werks, Mons. Ocariz Braña, um Mons. Ladaria Ferrer, den Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre, und schließlich um den Moderator, Mons. Guido Pozzo, der Sekretär der Kommission Ecclesia Dei ist.
5. Gibt es eine Entwicklung im Denken unserer Gesprächspartner, seit sie die Darlegungen der Theologen der Bruderschaft gelesen haben?
Ich denke nicht, dass man das sagen kann.
6. Im Dezember 2009 sagte Bischof Galarreta in seiner Predigt anlässlich der Priesterweihe in La Reja, Rom habe akzeptiert, dass das dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorausgehende Lehramt als „einzig mögliches gemeinsames Kriterium“ in den Gesprächen herangezogen werde. Besteht die Hoffnung, dass unsere Gesprächspartner das Konzil überarbeiten, oder ist das für sie unmöglich? Ist das Zweite Vatikanum wirklich ein Stein des Anstoßes?
Ich denke, man muss die Frage anders stellen. In seiner Rede vom Dezember 2005 hat Papst Benedikt XVI. Unterscheidungen gemacht. Dadurch sieht man sehr gut, dass eine bestimmte Interpretation des Konzils nicht mehr erlaubt ist, und es gibt auch, ohne direkt von einer Überarbeitung des Konzils sprechen zu können, trotz allem einen gewissen Willen, die Art der Darstellung des Konzils zu ändern. Die Unterscheidung scheint hier ein wenig zu fein, aber auf genau diese Unterscheidung berufen sich die, die das Konzils nicht anrühren wollen, die aber dennoch wegen etlicher Doppeldeutigkeiten anerkennen, dass es eine Öffnung hin zu verbotenen Pfaden gegeben habe. Sie meinen, man müsse darauf hinweisen, dass diese Pfade verboten sind. – Ist das Zweite Vatikanum ein Stein des Anstoßes? Für uns zweifellos, ja!
7. Warum ist es so schwierig für sie, einen Widerspruch zwischen dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Lehramt davor zuzugeben?
Die Antwort ist ziemlich einfach. Von dem Augenblick an, ab dem man das Prinzip anerkennt, dass sich die Kirche nicht ändern kann, muss man folgerichtig sagen – wenn man das Zweite Vatikanum anerkennen will –, dass dieses Konzil auch nichts geändert hat. Aus genau diesem Grund bringen sie es nicht über sich, die Widersprüche zwischen dem Zweiten Vatikanum und dem früheren Lehramt zuzugeben. Sie haben es dann allerdings recht schwer, die Natur des Wandels zu erklären, der wirklich existiert.
8. Abgesehen vom Zeugnis für den Glauben, ist es für die Bruderschaft wichtig und vorteilhaft, sich an Rom zu wenden? Ist es gefährlich? Glauben Sie, dass das alles lange dauern kann?
Es ist sehr wichtig, dass die Priesterbruderschaft dieses Zeugnis ablegt, das ist sogar der Grund der Lehrgespräche. Es geht wirklich darum, dem katholischen Glauben in Rom Gehör zu verschaffen und zu versuchen – warum nicht? – ihm gleich in der ganzen Kirche besseres Gehör zu verschaffen.
Es gibt eine Gefahr dabei, und das ist die Gefahr, sich Illusionen zu hinzugeben. Man sieht, dass einige Gläubige dahin gekommen sind, sich in Illusionen zu wiegen. Aber die jüngsten Ereignisse haben es fertiggebracht, sie zu zerstreuen. Ich denke an die Ankündigung der Seligsprechung von Johannes Paul II. oder eines neuen Assisi, das mit den interreligiösen Versammlungen 1986 und 2002 auf einer Linie liegt.
9. Verfolgt der Papst die Gespräche unmittelbar? Hat er sie schon kommentiert?
Ich denke, ja, ohne Genaues darüber zu wissen. – Hat er einen Kommentar dazu abgegeben? Als es diesen Sommer ein Treffen seiner Mitarbeiter in Castelgandolfo gab, hat er gesagt, dass er mit den Gesprächen zufrieden sei. Das ist alles.
10. Kann man sagen, dass der Heilige Vater, der seit mehr als 25 Jahren mit der Bruderschaft Umgang hat, heute eher wohlwollender ihr gegenüber eingestellt ist als vordem?
Ich bin da nicht sicher. Ja und nein. Ich denke, der Papst als solcher trägt die Last der ganzen Kirche, die Sorge um ihre Einheit, die Furcht, dass sich ein Schisma entwickeln könnte. Er selbst hat einmal gesagt, dass das die Motive seien, die ihn zum Handeln drängten. Er ist jetzt das sichtbare Haupt der Kirche, das kann erklären, warum er so handelt. Bedeutet das, dass er mehr Verständnis für die Bruderschaft zeigt? Ich glaube, dass er eine gewisse Sympathie für uns hat, aber eine Sympathie mit Grenzen.
11. Was würden Sie heute, in einem Satz, über die Gespräche sagen?
Wenn man sie noch einmal führen müsste, würden wir sie noch einmal führen. Das ist sehr wichtig. Das ist von entscheidender Bedeutung. Wenn man hofft, eine geistige Strömung insgesamt zu korrigieren, kommt man an diesen Gesprächen nicht vorbei.
12. Seit einiger Zeit werden in Kirchenkreisen Stimmen laut, man denke an Mons. Gherardini oder Weihbischof Schneider, die – selbst in Rom – handfeste Kritik an den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils äußern und nicht mehr nur an seiner Interpretation. Darf man hoffen, dass diese Bewegung sich ausweitet und bis in das Innere des Vatikan hinein vordringt?
Ich sage nicht, dass man das hoffen kann, ich sage, dass man das hoffen muss. Man muss wirklich hoffen, dass diese Ansätze von Kritik – nennen wir sie objektiv und gelassen – sich entwickeln. Bisher hat man das Zweite Vatikanum immer als Tabu betrachtet, was die Heilung der Krankheit, der Kirchenkrise, fast unmöglich macht. Wir müssen Probleme ansprechen und den Dingen auf den Grund gehen können, andernfalls gelangen wir nie zur Anwendung guter Heilmittel.
13. Kann die Bruderschaft einen wichtigen Part bei der Bewusstseinsbildung übernehmen? Und, wenn ja, wie? Welche Rolle ist den Gläubigen in dieser Sache zugedacht?
Von Seiten der Bruderschaft, ja, wir können eine Rolle spielen, und zwar, indem wir darlegen, was die Kirche immer gelehrt hat, und indem wir Einwände gegen die konziliaren Neuerungen formulieren. Die Rolle der Gläubigen besteht darin, durch ihr Tun Zeugnis für den Glauben abzulegen. Sie sind ja der Beweis, dass die Tradition heute lebbar ist. Was die Kirche immer verlangt hat, die überlieferte Morallehre ist nicht nur zeitgemäß, sondern man kann sich auch heute noch wirklich im Leben nach ihr richten.
Zum zweiten Teil
(zum englischen Original auf der Webseite des amerikanischen Distrikts)

Bischof Fellay bei der Privataudienz mit Papst Benedikt

Die Vertreter der Priesterbruderschaft St. Pius X. bei den Gesprächen mit Rom.
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