„Ich habe die Päpste auf Schultern getragen“ PDF Drucken E-Mail
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Samstag, den 19. September 2009 um 20:00 Uhr

Ein früherer Vatikan-Mitarbeiter erinnert sich

Vatikanstadt (KNA) Er hat die Päpste auf seinen Schultern getragen: Erst Johannes XXIII., dann Paul VI. und Johannes Paul I. Und wenn es nach ihm, Silvano Bellizi, gegangen wäre, hätte er auch noch Johannes Paul II. emporgehoben. Doch so weit kam es nicht. „Dieser Papst hat es niemandem mehr erlaubt“, erzählt der 80 Jahre alte Italiener mit dem Unterton des Bedauerns.

Vier Jahrzehnte lang war Bellizi „Sediario pontificio“. So heißen die Träger des portablen Papst­throns, der „sedia gestatoria“: zu beiden Seiten eine Stange, an der jeweils bis zu sechs Männer an­packen. Seit dem Mittelalter legten die Päpste längere Wege auf diesem Tragsessel zurück. So konnte das Kirchenoberhaupt in größeren Menschenmengen besser gesehen werden. Außerdem blieb den oft schon betagten Päpsten mit ihren schweren Brokatgewändern ein beschwerlicher Fuß­weg erspart. Das sänftenähnliche Möbel kann somit durchaus als Vorläufer des „Papamobils“ gelten, dem schließlich Johannes Paul II. den Vorzug gab. Als erster Papst lehnte er die Verwendung der sedia gestatoria ab. Kritiker hatten den Thron schon seit längerem als unzeitgemäßen monarchi­schen Prunk bezeichnet.

An einen Mittwoch im Jahr 1959 erinnert sich Bellizi im Gespräch mit dem „Osservatore Romano“ noch ganz besonders gut. Es war kurz vor der Generalaudienz. Im Petersdom wartete schon eine große Menschenmenge. Der Thronträger stand vor der Pieta von Michelangelo, neben sich die Sänf­te auf dem Boden. Da fiel ihm plötzlich auf, dass mit der Halterung eines Tragbügels etwas nicht stimmte. Mit dem Absatz seines Schuhs trat er mehrmals gegen die Halterung. In letzter Minute konnte er so den Schaden beheben. Dann ertönte auch schon der Aufruf „Erhebt euch“. Der Papst war gekommen. Der schwergewichtige Johannes XXIII. sah Bellizi an und fragte: „Alles in Ordnung?“ Ja, er könne ganz beruhigt sein, versicherte dieser. Der Papst, der die Reparaturversuche offenbar beobachtet hatte, erwiderte daraufhin: „Mein Sohn, ich möchte nicht als erster Papst, der von der sedia gefallen ist, in die Geschichte eingehen.“

Das schönste Lob erhielt Bellizi von Paul VI.: „Ihr seid meine gesunden Beine“, sagte der Pontifex maximus zu seinen Thronträgern, als er 1975, gesundheitlich schon angeschlagen, selbst nicht mehr gut zu Fuß war. Johannes Paul I., der 33-Tage-Papst, fühlte sich hingegen nicht besonders wohl in der sedia. „Es tut mir leid, aber man hat mich dazu gezwungen“, sagte er Bellizi und seinen Kollegen nach seiner Krönung.

Sein Nachfolger, Johannes Paul II. schaffte den portablen Thron schließlich ganz ab. Von dieser Entscheidung habe ihn niemand abbringen können, erzählt Bellizi. „Auf den Schultern getragen“ hat er diesen Papst gleichwohl, allerdings nur einmal -als Sargträger bei der Beerdigung im April 2005.

Arbeitslos geworden sind Bellizi und seine Kollegen dennoch keineswegs. Sie geleiteten fortan zu besonders festlichen Anlässen bedeutende Persönlichkeiten zu den Papstaudienzen. Bisweilen ver­missen sie ihre ursprüngliche Arbeit: „Ich gebe zu, einige von uns hoffen schon darauf, dass die se­dia eines Tages wieder zum Einsatz kommt“, sagt Bellizi. Aber die Hauptsache sei schließlich, dass man auch auf diese Weise dem Papst dienen könne und ganz in seiner Nähe sei.

Fünf Thronträger stehen gegenwärtig noch in Diensten des Vatikan. Zusammengeschlossen sind sie in der ältesten noch bestehenden Bruderschaft Roms, benannt nach ihrer Patronin, der heiligen An­na. Pius IV. gestattete der 1378 gegründeten Vereinigung den Bau einer eigenen Kirche, S. Anna dei Palafrenieri, seit 1929 Pfarrkirche des Vatikan. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe des Hauptein­gangs zur Vatikanstadt, dem Anna-Tor. Mittlerweile hat die Bruderschaft ihren Sitz in einer anderen Kirche, in der Nähe der Piazza Farnese. Die Zukunft der traditionsreichen Institution scheint unge­wiss. Denn es gibt heute nicht mehr viele, die von sich behaupten können, den Papst auf den Schul­tern getragen zu haben -so wie Silvano Bellizi.

Von Thomas Jansen (KNA)

 


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