Rundbrief des Generaloberen Nr. 74 - Frühjahr 2009 PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 14. Mai 2009 um 22:53 Uhr

Brief an die Freunde und Wohltäter Nr. 74

Liebe Freunde und Wohltäter,

Im Augenblick, da wir einen neuen Rosenkranzkreuzzug während unserer Wallfahrt nach Lourdes im letzten Oktober ausriefen, konnten wir sicher nicht mit einer so schnellen Antwort des Himmels auf unsere Bitte hin rechnen! In der Tat hat es der Jungfrau Maria gefallen, uns eine zweite Gnade zu verleihen, da sie als unsere gute Mutter des Himmels auf unsere erste Bitte hin so wirksam durch den Stellvertreter Christi und sein Motu Proprio, die überlieferte heilige Messe betreffend, so wirksam geantwortet hatte: Beim selben Besuch im Monat Januar, als ich den geistlichen Blumenstrauß mit 1.703.000 Rosenkränzen in der Meinung des Heiligen Vaters niederlegte, erhielt ich aus den Händen von Kardinal Castrillon Hoyos das Dekret der Nachlassung der „Exkommunikationen“.

Wir hatten dies vom Jahr 2001 an als Zeichen des Wohlwollens von Seiten des Vatikans gegenüber der Bewegung der der Tradition verbundenen Gläubigen gefordert. Denn seit dem Konzil wird alles in der heiligen Kirche, was der Tradition verbunden sein will, mit Schelte über Schelte bedacht, wobei man bis zur Verweigerung des Hausrechtes geht. Dies hat natürlich zum Teil und sogar gänzlich das Vertrauen in die römischen Behörden zunichte gemacht. Solange dieses Vertrauen nicht wenigstens zum Teil wiederhergestellt ist, sagte ich damals, bleiben unsere Beziehungen auf Sparflamme. Das Vertrauen ist nicht nur ein gutes Gefühl, es ist die Frucht, die daraus geboren wird, daß wir in diesen Autoritäten Seelenhirten wiedererkennen, denen das Wohl all dessen, was wir Tradition nennen, ein Seelenanliegen ist. Und unsere Bitten um vorausgehende Schritte waren in diesem Sinn formuliert. In der Tat ist es unmöglich, unsere Position und unsere Haltung gegenüber dem Heiligen Stuhl zu verstehen, wenn man nicht das Erfassen des Krisenzustandes, in dem sich die Kirche befindet, mit einschließen will. Es handelt sich hier nicht um ein oberflächliches Ereignis, noch um eine persönliche Sicht der Dinge. Es handelt sich um eine von unserem Erfassen unabhängige Wirklichkeit, die von Zeit zu Zeit von diesen nämlichen Autoritäten anerkannt worden ist und die soundso oft durch die Tatsachen bestätigt worden ist. Diese Krise hat zahlreiche verschiedene Aspekte, manchmal tiefgreifend, manchmal eher aus den Umständen heraus entspringend, und wir alle leiden darunter. Die Gläubigen sind vor allem durch die Zeremonien der neuen Liturgie betroffen – wie oft sind sie ärgerniserregend! –, durch die gewohnheitsmäßige Predigt, wo man Positionen zur Sittenlehre einnimmt, die restlos im Widerspruch stehen zur jahrhundertelangen Lehre der Kirche und dem Beispiel der Heiligen. Die Eltern müssen sehr oft mit großem Schmerz den Verlust des Glaubens bei ihren Kindern feststellen, die Instituten der katholischen Erziehung anvertraut worden waren oder ihre totale Unwissenheit auf dem Gebiet der katholischen Lehre beklagen, weil es keinen ernsthaften Katechismusunterricht gab. Eine riesige Zahl von Ordensleuten legt seit der Revision ihrer Konstitutionen und der nachkonziliaren Umschulung einen erschütternden Verlust des Geistes des Evangeliums an den Tag, insbesondere was den Verzicht, die Armut und das Opfer anbetrifft. Dieser Verlust hatte fast unmittelbar ein Absinken der Berufungen zur Folge, so daß mehrere Orden und Kongregationen ein Haus nach dem anderen schließen, wenn sie nicht einfach verschwinden. Die Lage in zahlreichen Diözesen ist in gleicher Weise dramatisch.

All dies bildet eine zusammenhängende Gesamtheit und ist nicht zufällig entstanden, sondern ist die Folge eines Konzils, das sich als Reformkonzil ausgab, indem es die Kirche dem Zeitgeschmack anpassen wollte. Man klagt uns an, wir würden eine Krise sehen, wo es keine gibt, oder in falscher Weise dem Konzil die indes so schrecklichen und außerordentlich schwerwiegenden Konsequenzen, die jedermann feststellen kann, anlasten, oder daß wir diese Lage benützten, um eine unkorrekte Haltung der Auflehnung oder der Unabhängigkeit zu rechtfertigen.

Dem entgegen nehme man die Texte der Kirchenväter, des Lehramtes, der Liturgie und der Theologie durch alle Zeiten hindurch: Man findet dort eine Einheit, der wir aus ganzem Herzen anhangen. Und dieser lehrmäßigen Einheit wird stärkstens widersprochen, sie wird verletzt und in der Praxis gemindert durch die gegenwärtige Verhaltenslinie. Wir erfinden keinen Bruch; unglücklicherweise existiert dieser wirklich, man braucht nur die Art und Weise zu sehen, wie uns gewisse Episkopate behandeln, selbst nach der Rücknahme des Exkommunikationsdekrets, um festzustellen, wie tiefgreifend das Verwerfen der Neuerer all dessen ist, was die Tradition rettet; dies geht soweit, daß es unmöglich ist, diesem Verwerfen nicht den Namen „Bruch mit der Vergangenheit“ zu geben.

Ja, so sehr wir durch das Erscheinen des Dekrets vom 21. Januar überrascht waren, so sehr waren wir überrascht von der Heftigkeit der Reaktion der Progressisten und der Linken im allgemeinen uns gegenüber. Es ist wahr, daß sie eine goldene Gelegenheit gefunden haben in den unglücklichen Worten von Mgr. Williamson, die ihnen eine zutiefst ungerechte Verquickung erlaubt hat, um unsere Bruderschaft wie einen Sündenbock abzustempeln. In der Tat wurden wir in einem weit bedeutungsvolleren Kampf instrumentalisiert, nämlich jenem der Kirche, die so gut den Namen einer streitenden trägt, gegen diese bösen Geister, die in den Lüften herrschen, wie der heilige Paulus sagt. Jawohl, wir zögern nicht, unsere kleine Geschichte in die große Kirchengeschichte einzuschreiben, in jene dieses gigantischen Kampfes für das Heil der Seelen, wie er schon in der Genesis angekündigt ist und wie er in so ergreifender Art in der Offenbarung des heiligen Johannes beschrieben ist. Oft bleibt dieser Kampf auf der geistigen Ebene; von Zeit zu Zeit steigt er aber von der Ebene der Geister und der Seelen nieder auf die Ebene des Leibes und wird sichtbar wie bei offenen Verfolgungen.

Man darf in dem, was sich in den letzten Monaten zugetragen hat, einen ziemlich heftigen Augenblick dieses Kampfes erblicken. Und es ist klar, daß derjenige, der schlußendlich ins Visier genommen ist, der Stellvertreter Christi in seiner Anstrengung ist, eine gewisse Wiederherstellung der Kirche in die Wege zu leiten. Man fürchtet eine Annäherung zwischen dem Oberhaupt der Kirche und unserer Bewegung, man fürchtet ein Aufgeben der Errungenschaften des II. Vatikanums und man setzt alles ins Werk, um dies unwirksam zu machen. Was denkt der Papst wirklich? Wo steht er? Juden und Progressisten fordern ihn auf, zwischen dem II. Vatikanum und uns zu wählen ... Dies geht soweit, daß das Staatssekretariat nichts besseres gefunden hat, um sie zu beruhigen, als für unsere kirchenrechtliche Existenz die vollständige Annahme dessen zu fordern, was wir als die Hauptursache der gegenwärtigen Probleme ansehen und dem wir uns die ganze Zeit über bis heute widersetzt haben ... Indes sind sie wie auch wir durch den Antimodernisteneid und all die anderen Verurteilungen der Kirche gebunden. Deshalb wollen wir an das II. Vatikanische Konzil nicht anders herangehen als im Lichte der feierlichen Erklärungen (Glaubensbekenntnis und Antimodernisteneid), die vor Gott und der Kirche abgelegt worden sind. Und wenn dies als unvereinbar erscheint, so sind es notwendigerweise die Neuerungen, die im Unrecht sind. Wir zählen auf diese angekündigten lehrmäßigen Diskussionen, um diese Punkte soweit wie möglich sonnenklar herauszustellen.

* * *

Soundso viele Bischöfe benützen die neue Lage nach dem Dekret über die Exkommunikation, das am kirchenrechtlichen Status der Bruderschaft nichts geändert hat, um zu versuchen, von uns die Quadratur des Kreises zu verlangen, indem sie den Gehorsam dem Buchstaben des Gesetzes gegenüber in jeder Hinsicht einfordern, so als wäre unsere Lage vollkommen geregelt, während sie uns gleichzeitig als kirchenrechtlich nichtexistent erklären. Ein deutscher Bischof hat bereits angekündigt, daß die Bruderschaft am Ende des Jahres wieder außerhalb der Kirche sei ... Welch schmeichelnde Perspektive! Die einzige für das Überleben mögliche Lage ist übrigens jene, die wir erbeten haben, nämlich eine Zwischensituation, die notwendigerweise unvollständig und unvollkommen im kirchenrechtlichen Sinn ist, aber die als solche angenommen wird, ohne daß man uns ständig die Anschuldigung des Ungehorsams und der Auflehnung ins Gesicht schleudert, ohne daß wir mit unhaltbaren Verboten bedacht werden. Zieht man nämlich alles in Betracht, so erscheint der unnormale Zustand, in dem sich die Kirche befindet und den wir einen Zustand der Notsituation nennen, einmal mehr bewiesen in der Haltung und den Worten gewisser Bischöfe gegenüber dem Papst und der Tradition.

Wie werden die Dinge sich entwickeln? Wir wissen es nicht. Wir bleiben bei unserem Vorschlag, eine gegenwärtige unvollkommene Lage als Provisorium hinzunehmen, um endlich die angekündigten lehrmäßigen Diskussionen in Angriff zu nehmen, von denen wir hoffen, daß sie gute Früchte tragen.

* * *

Auf diesem so schwierigen Weg und im Angesichte der so heftigen Gegnerschaft bitten wir Sie, liebe Gläubige, wiederum zum Gebet die Zuflucht zu nehmen. Es scheint uns der Augenblick gekommen, zu einer weitreichenden Offensive, die tief in der Botschaft Unserer Lieben Frau von Fatima verankert ist, aufzurufen, deren glücklichen Ausgang sie selber verheißen hat, da sie ankündigt, am Ende werde ihr Unbeflecktes Herz triumphieren. Um diesen Triumph bitten wir sie durch das Mittel, das sie selber erbeten hat, nämlich die Weihe Rußlands an ihr unbeflecktes Herz durch den obersten Hirten und alle Bischöfe der katholischen Welt und die Ausbreitung der Andacht zu ihrem schmerzhaften und Unbefleckten Herzen. Darum wollen wir ihr zu diesem Zweck von jetzt ab bis zum 25. März 2010 einen geistlichen Blumenstrauß von 12 Millionen Rosenkränzen überreichen wie eine Krone aus Sternen, die ihre Person umgibt, begleitet von einer entsprechenden bedeutungsvollen Summe von täglichen Opfern, die wir mit Bedacht vor allem aus der getreuen Erfüllung unserer Standespflicht schöpfen, und damit verbunden das Versprechen, die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens zu verbreiten. Sie selber stellt dies dar als den Zweck ihrer Erscheinungen in Fatima. Wir sind zutiefst davon überzeugt: Wenn wir mit Aufmerksamkeit das befolgen, um was sie uns bittet, so empfangen wir weit mehr als wir jemals gewagt haben zu erhoffen; vor allem sichern wir uns unser Heil, indem wir uns jene Gnaden zunutze machen, die sie uns verheißen hat.

Folglich bitten wir unsere Priester ebenfalls um eine besondere Anstrengung, um den Gläubigen diese Andacht zu erleichtern, indem sie nicht nur die Sühnekommunion der ersten Monatssamstage hervorheben, sondern auch die Gläubigen dazu auffordern, in einer tiefen Vertrautheit mit Unserer Lieben Frau zu leben, indem sie sich ihrem Unbefleckten Herzen weihen. Es wäre gut, die Spiritualität des großen Helden der Unbefleckten, des Pater Maximilian Kolbe, besser zu kennen und zu vertiefen.

Unsere Bruderschaft hat sich dem Unbefleckten Herzen vor 25 Jahren geweiht. Wir wollen diese glückliche Initiative von Pater Schmidberger erneuern, indem wir unsere ganze Seele hineinlegen, indem wir unsere Herzen von diesem Geist beleben. Es ist klar, daß wir in keiner Weise die Absicht haben, der göttlichen Vorsehung zu befehlen, was sie zu tun hat; aber wir haben aus den Beispielen der Heiligen und der Heiligen Schrift selbst gelernt, daß das große Verlangen in beeindruckender Weise die Pläne des lieben Gottes beschleunigen kann. Mit diesem Wagemut legen wir heute beim Unbefleckten Herzen Mariens diese Gebetsmeinung nieder, indem wir sie bitten, uns unter ihren mütterlichen Schutz zu nehmen. Möge Gott Sie in reichem Maße segnen!

Am Fest der glorreichen Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus

Winona, Ostern 2009

+ Bernard Fellay


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