Interview mit Bischof Fellay: Die Gespräche mit Rom PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 29. November 2011 um 14:55 Uhr

fellay 2011

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. und die „doktrinelle Präambel“

Warum wird die doktrinelle Präambel, welche Ihnen Kardinal Levada am 14. September übergeben hat, mit solcher Geheimhaltung behandelt, sowohl von Seiten der Glaubenskongregation als auch der Priesterbruderschaft St. Pius X.? Was verbirgt dieses Stillschweigen vor den Priestern und vor den Gläubigen der Tradition?

Diese Disktretion ist normal für jedes wichtige Vorhaben, sie garantiert dessen Seriösität. Die uns übergebene doktrinelle Präambel ist, wie im Begleitschreiben angegeben, ein Dokument, das mit Erläuterungen und Änderungen versehen werden kann. Es handelt sich um keinen endgültigen Text. Wir werden in Kürze eine Antwort auf dieses Dokument geben, bei der wir mit Offenheit die lehrmäßigen Positionen angeben werden, an denen wir unbedingt glauben festhalten zu müssen. Unsere beständige Sorge seit Beginn der Gespräche mit dem Heiligen Stuhl war – das wissen unsere Gesprächspartner genau – in aller Loyalität die traditionelle Position zu vertreten.

Trotz der augenblicklichen Situation, die umfangreicher Abklärungen bedarf, ist die Diskretion von Seiten Roms ebenfalls geboten, denn der Text läuft große Gefahr, die Opposition der Progressisten hervorzurufen. Sie lehnen schon die Idee einer Diskussion über das Konzil ab, weil sie dieses Pastoralkonzil als undiskutabel und als „nicht-verhandelbar“ betrachten, so als handle es sich um ein dogmatisches Konzil.

Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen wurden die Beschlüsse des Oberentreffens der FSSPX in Albano am 7. Oktober im Internet verbreitet, aus verschiedenen Quellen, die aber übereinstimmen.

Indiskretionen gibt es im Internet zu Hauf! Es ist wahr, dass diese doktrinelle Präambel nicht unsere Annahme finden kann, obwohl ein Rahmen für eine „legitime Diskussion“ über gewisse Punkte des Konzils vorgesehen ist. Wie groß ist dieser Rahmen? Der Vorschlag, den ich in diesen Tagen den römischen Autoritäten machen werde, sowie ihre Antwort wird es uns erlauben, die Möglichkeiten abzuwägen, die uns gegeben sind. Was auch immer das Resultat dieser Gespräche sein wird, das Schlussdokument – ob akzeptiert oder abgelehnt –wird veröffentlicht werden.

Da dieses Dokument in Ihren Augen wenig klar ist, wäre es da nicht das Einfachste, es gegenüber seinen Verfassern als nicht-annehmbar abzulehnen?

Das Einfachste vielleicht, aber nicht das Ehrlichste. Weil das Begleitschreiben die Möglichkeit vorsieht, klärende Bemerkungen anzufügen, scheint es mir notwendig, diese zu erbitten, anstatt sie von vornherein abzulehnen. Was nicht bedeutet, dass der Antwort vorgegriffen wird, die wir geben werden.

Weil die Debatte zwischen Rom und uns wesentlich lehrmäßig ist und weil sie sich hauptsächlich um das Konzil dreht, aber auch weil diese Disputation nicht nur die Priesterbruderschaft St. Pius X. betrifft, sondern sehr wohl die ganze Kirche, werden die Präzisierungen, die wir entweder erhalten oder nicht, ein nicht zu vernachlässigendes Verdienst haben. Sie werden besser herausstellen, wo die Schwierigkeiten sind und wo die Lösungen liegen. Das ist genau der Geist, der beständig unsere theologischen Gespräche in den letzten beiden Jahren geleitet hat.

Dieses Dokument wird als Vorbedingung für einen kanonischen Status dienen. Verzichten Sie hier nicht implizit auf die Marschroute, die Sie fixiert haben: Vor jedem praktischen Abkommen ist zunächst eine doktrinelle Lösung vorgesehen?

Es handelt sich sehr wohl um eine „Präambel“ [Vorbedingung]. Die Annahme oder Ablehung derselben ist die Bedingung für den Erhalt oder die Ablehnung eines kanonischen Status. Die Lehre kommt keineswegs danach. Bevor wir uns auf einen eventuellen kanonischen Status verpflichten, studieren wir in genauer Weise diese Präambel unter dem Kriterium der Tradition, der wir treu anhangen. Denn wir vergessen nicht, dass es sehr wohl die lehrmäßigen Unterschiede sind, welche seit vierzig Jahren am Anfang der Meinungsverschiedenheit zwischen Rom und uns stehen. Sie beiseite zu legen, um einen kanonischen Status zu erhalten, wird uns mit der Tatsache konfrontieren, die gleichen Divergenzen unvermeidlicherweise wieder erstehen zu sehen. Das wird den kanonischen Status mehr als prekär machen, ja einfach nicht realisierbar.

Also hat sich nach zwei Jahren der theologischen Gespräche zwischen Rom und der Bruderschaft St. Pius nichts geändert?

Diese Gespräche haben es unseren Theologen ermöglicht, ohne Umwege die zentralen Punkte des Konzils darzustellen, die für das Licht der Tradition eine Schwierigkeit darstellen. Parallel dazu und vielleicht auch wegen dieser theologischen Gespräche haben sich während dieser beiden letzten Jahre andere Stimmen als unsere Gehör verschafft. Sie formulieren Kritikpunkte, die sich mit den unsrigen über das Konzil vereinen. So hat Mons. Brunero Gherardini, in seinem Werk „Vatikan II, ein anstehender Diskurs“, die unterschiedlichen Grade der Autorität der Dokumente sowie den „Gegengeist“ betont, der sich von Anfang an in das II. Vatikanum eingeschlichen hat. Ebenso hat S.E. Bischof Athanasius Schneider den Mut gehabt, während eines Kongresses in Rom Ende 2010 einen Syllabus zu fordern, der die Irrtümer in der Interpretation des Konzils verurteilt. Im gleichen Geist hat der Historiker Roberto de Mattei in seinem letzten Buch „Vatikanum II, eine bislang ungeschriebene Geschichte“ die widersprüchlichen Einflüsse gezeigt, welche auf das Konzil ausgeübt wurden. Man müsste hier auch die Bittschrift der italienischen Intellektuellen an Benedikt XVI. erwähnen, die eine vertiefende Untersuchung des Konzils fordern.

All diese Initiativen, all diese Interventionen zeigen klar, dass nicht mehr die Priesterbruderschaft St. Pius X. allein die doktrinellen Probleme sieht, welche das II. Vatikanum aufwirft. Diese Bewegung breitet sich aus und kann nicht mehr gestoppt werden.

Ja, aber diese universitären Studien, diese wissenschaftlichen Analysen bringen keine konkrete Lösung für die Probleme, welches das Konzil hier und jetzt stellt.

Diese Arbeiten werfen die lehrmäßigen Schwierigkeiten auf, welche das Konzil stellt, und zeigen folglich, warum das Anhangen am Konzil problematisch ist. Das ist ein erster, wesentlicher Schritt.

In Rom selbst zeigen die unterschiedlichen Interpretationen, die man von der Religionsfreiheit gibt, die Änderungen, die bezügliche dieses Themas am „Katechismus der katholischen Kirche“ (KKK) und im Kompendium vorgenommen wurden, die Korrekturen, die augenblicklich für das Kirchenrecht studiert werden..., all das zeigt die Schwierigkeit, die sich ergibt, wenn man sich um jeden Preis an die Konzilstexte halten will. Von unserem Standpunkt aus zeigt das auch sehr gut die Unmöglichkeit, in beständiger Weise einer Lehre anzuhangen, welche in Bewegung ist.

Was ist in Ihren Augen heute lehrmäßig feststehend?

Die einzige Lehre, die sich nicht ändert, ist offensichtlich das Credo, das katholische Glaubensbekenntnis. Das II. Vatikanum wollte pastoral sein; es hat kein Dogma definiert. Es hat den Glaubensartikeln nicht hinzugefügt: „Ich glaube an die Religionsfreiheit, an den Ökumenismus, an die Kollegialität...“ Ist das Credo heute nicht mehr genügend, um als katholisch anerkannt zu werden? Drückt es nicht mehr den ganzen Glauben aus? Verlangt man jetzt von denen, welche ihre Irrtümer abschwören und mit der Kirche verbunden werden, dass sie ihren Glauben an die Religionsfreiheit, den Ökumenismus und die Kollegialität bekennen? Wir, die geistigen Söhne von Erzbischof Lefebvre, der es sich immer verboten hat, eine parallele Kirche zu begründen, der immer dem ewigen Rom treu sein wollte, wir haben überhaupt keine Schwierigkeit, vollumfänglich allen Artikeln des Credo anzuhangen.

Kann es in diesem Kontext eine Lösung für die Krise in der Kirche geben?

Ohne ein Wunder kann es keine unmittelbare Lösung geben. Um es mit einem Ausdruck von Johanna von Orleans zu sagen: Zu wollen, dass Gott den Sieg gibt, ohne die Soldaten zur Schlacht zu rufen, ist eine Form der Fahnenflucht. Das Ende der Krise zu wollen, ohne sich betroffen oder involviert zu fühlen, heißt, die Kirche nicht wirklich zu lieben. Die Vorsehung entbindet uns nicht davon, unsere Standespflicht zu erfüllen, dort, wo wir hingestellt sind, sowie unsere Verantwortung zu übernehmen und den Gnaden zu entsprechen, die sie uns gewährt.

Die gegenwärtige Situation der Kirche in unseren ehemals christlichen Ländern ist ein dramatischer Niedergang an Berufungen: Vier Weihen in Paris 2011, eine einzige in der Diözese von Rom für 2011/2012; das bedeutet eine alarmierende Verknappung der Priester: Wie das Beispiel des Pfarrers von Aude, der 80 Kirchtürme hat; das sind so sehr ausgeblutete Diözesen, dass man sie in Frankreich in sehr naher Zukunft zusammenlegen muss, so wie man schon die Pfarreien zusammengelegt hat... Mit einem Wort, die kirchliche Hierarchie steht heute Strukturen vor, die überdimensioniert sind für einen Personenkreis, der im konstanten Rückgang begriffen ist. Da streikt jede Verwaltung, nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet. Man muss, um ein Bild zu gebrauchen, ein Kloster, das für 300 Schwestern gebaut ist, für drei übriggebliebene unterhalten. Kann das noch zehn Jahre so weitergehen?

Junge Bischöfe und Priester, welche diese Situation erben, werden sich immer mehr der Sterilität der 50 Jahre Öffnung zur modernen Welt bewusst. Sie geben nicht einzig und allein der Laisierung der Gesellschaft Schuld, sie fragen sich auch nach der Verantwortung des Konzils, das die Kirche dieser Welt in voller Säkularisation geöffnet hat. Sie fragen sich, ob die Kirche sich bis zu diesem Punkt der Moderne anpassen konnte, ohne den Geist derselben anzunehmen.

Diese Bischöfe und diese Priester stellen sich diese Fragen, und einige stellen sie uns... im Geheimen, so wie Nikodemus. Wir antworten ihnen, dass man sich angesichts eines solchen Niedergangs fragen muss, ob die Tradition eine einfache Option oder eine notwendige Lösung ist. Zu antworten, sie sei eine Option, bedeutet, die Krise zu minimalisieren, ja, zu leugnen, und sich mit Maßnahmen zufrieden zu geben, die ihre Unwirksamkeit schon unter Beweis gestellt haben.

Der Widerstand der Bischöfe

Aber selbst wenn die Priesterbruderschaft St. Pius X. von Rom einen kanonischen Status bekäme, so könnte sie trotz allem keine Lösung vor Ort anbieten, denn die Bischöfe würden sich dagegen wehren, so wie sie es beim Motu proprio zur traditionellen Messe getan haben.

Diese Opposition der Bischöfe gegenüber Rom hat sich bezüglich des Motu proprio über die tridentinische Messe in stummer aber wirksamer Weise ausgedrückt, und sie wird von Seiten mancher Bischöfe hartnäckig aufrecht erhalten, in Bezug auf das pro multis im Kanon der Messe, das Benedikt XVI. im Einklang mit der katholischen Lehre mit „für viele“ übersetzt wissen will und nicht mit „für alle“, wie in den meisten der landessprachlichen Liturgien. In der Tat bestehen gewisse Bischofskonferenzen darauf, an dieser falschen Übersetzung festzuhalten, wie erst ganz kürzlich in Italien geschehen.

So macht der Papst selbst die Erfahrung des Sich-Abspaltens von mehreren Bischofskonferenzen, sowohl auf diesem als auch in vielen anderen Gebieten. Das ermöglicht es ihm sehr leicht, die erbitterte Opposition zu erfassen, welche die Priesterbruderschaft St. Pius X. zweifellos von Seiten der Bischöfe in ihren Diözesen erfahren wird. Man sagt Benedikt XVI. persönlich nach, dass er eine kanonische Lösung wünsche; er muss auch die Mittel ergreifen wollen, welche diese Lösung überhaupt erst realistischerweise ermöglichen wird.

Haben Sie wegen der Schwere der augenblicklichen Krise einen neuen Rosenkranz-Gebetssturm ausgerufen?

Ich habe zu diesen Gebeten aufgerufen, vor allem deshalb, weil ich wollte, dass die Priester und die Gläubigen durch das tägliche Gebet und die tiefe Betrachtung der Geheimnisse des Rosenkranzes inniger mit unserem Herrn und seiner heiligen Mutter verbunden seien. Wir sind nicht in einer gewöhnlichen Situation, die es uns erlauben würde, uns mit einer mittelmäßigen Routine zufrieden zu geben. Das Verständnis der aktuellen Krise besteht nicht in den im Internet kolportierten Gerüchten -  ebenso wenig wie die Lösungen in politischer Schlauheit oder diplomatischen Verhandlungen bestehen. Man muss diese Krise aus dem Glauben heraus sehen. Allein der regelmäßige Umgang mit unserem Herrn und unserer Lieben Frau wird allen mit der Tradition verbundenen Priestern und Gläubigen diese Einheit in der Beurteilung bewahren, die der übernatürliche Glaube gewährt. So werden wir in dieser Periode der großen Verwirrung zusammenstehen.

Wir beten für die Kirche, für die Weihe Russlands, wie es die heilige Jungfrau in Fatima gefordert hat, und für den Triumph ihres Unbefleckten Herzens. So erheben wir uns über allzu menschliche Hoffnungen, wir übersteigen allzu natürliche Furcht. Nur auf dieser Höhe können wir wahrhaft der Kirche dienen, in der Erfüllung unserer Standespflicht, die jedem von uns auferlegt ist.

 

Menzingen, 28. November 2011

Übersetzung: pius.info; Quelle: Internationales Presseportal der Priesterbruderschaft St. Pius X. (DICI)


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