Enzyklika - DIVINI REDEMPTORIS (Papst Pius XI.) PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 14. Mai 2009 um 14:01 Uhr

Enzyklika - DIVINI REDEMPTORIS Über den atheistischen Kommunismus (Papst Pius XI.) 

Unseres Heiligen Vaters Pius XI.
vom 19. März 1937

durch Gottes Vorsehung Papst 

An die ehrwürdigen Brüder Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und die anderen Ober­hirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben: 


Authentische deutsche Übersetzung. 

Ehrwürdige Brüder, Gruß und apostolischen Segen! 

1Die Verheißung eines Erlösers erstrahlt auf der ersten Seite der Geschichte der Menschheit; und so milderte die zuversichtliche Hoffnung auf bessere Zeiten die Trauer über das verlorene Paradies. Diese Hoffnung begleitete das menschliche Geschlecht auf seinem dornenvollen We­ge, bis in der Fülle der Zeiten der Erlöser der Welt erschien und jene Erwartung erfüllte. Durch ihn wurde eine neue universale Kultur begründet, die christliche Kultur, unvergleichlich höher als jene, die der Mensch bis dahin mit Mühe und nur in einigen bevorzugten Nationen erreicht hatte.  

2Aber der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen blieb in der Welt als traurige Folge der Erbschuld, und der alte Versucher, hat niemals aufgehört, die Menschheit mit seinen trügeri­schen Verheißungen zu verlocken. So ist im Laufe der Jahrhunderte eine Umwälzung auf die andere gefolgt bis auf die Revolution unserer Tage, die sozusagen überall bereits tobt oder doch ernsthaft drohend vor uns steht, an Ausmaß und Heftigkeit überbietend, was früher an Kirchenverfolgungen erlebt wurde. Ganze Völker sind in Gefahr, in eine noch grauenvollere Unkultur zurückzusinken, als wie sie noch über dem größeren Teil des Erdenkreises lag, als der Erlöser erschien.  

3Wir sprechen, wie Ihr, Ehrwürdige Brüder, schon erraten habt, vom bolschewistischen und atheistischen Kommunismus, der die Welt so furchtbar bedroht und darauf ausgeht, die soziale Ordnung umzustürzen und die Fundamente der christlichen Kultur zu untergraben.  

 

I. 

 

 

Verhalten der Kirche gegenüber dem Kommunismus. Frühere Verurteilungen. 

1Angesichts einer solchen Bedrohung konnte und kann die katholische Kirche nicht schweigen ... Was insbesondere den Kommunismus betrifft, so hat schon im Jahre 1846 Unser ehrwürdi­ger Vorgänger Pius IX. seligen Angedenkens dessen feierliche Verurteilung ausgesprochen und später im Syllabus bestätigt. Er verwirft "die verdammenswerte Lehre des sogenannten Kom­munismus, die im höchsten Grade dem Naturrecht entgegengesetzt ist und die, einmal zur Herrschaft gelangt, zu einem radikalen Umsturz der Rechte, der Lebensverhältnisse und des Eigentums aller, ja der menschlichen Gesellschaft selber führen muß" (1). Späterhin hat ein anderer Unserer Vorgänger, Leo XIII., unsterblichen Andenkens, in seinem Rundschreiben Quod Apostolici muneris jenen Kommunismus bezeichnet als "verheerende Seuche, die das Mark der menschlichen Gesellschaft anfrißt und sie völlig zersetzt". (2) ...  

2Auch Wir selber haben in Unserem Pontifikat oftmals eindringlich und nachhaltig auf die be­drohlich anwachsenden atheistischen Strömungen aufmerksam gemacht. Als Unsere Hilfsmis­sion im Jahre 1924 aus der Sowjetunion zurückkehrte, haben Wir Uns in einer eigenen Alloku­tion an die ganze Welt gegen den Kommunismus ausgesprochen (3). In Unseren Rundschrei­ben Miserentissimus Redemptor (4), Quadra gesimo anno (5), Caritate Cristi (6), Acerba animi (7), Dilectissima Nobis (8) haben Wir feierlichen Protest erhoben gegen die Verfolgungen, wie sie in Rußland, in Mexiko, in Spanien ausgebrochen waren ... Ja sogar die verbissensten Feinde der Kirche selber, die von Moskau aus diesen Kampf gegen die christliche Kultur leiten, bezeu­gen durch ihre ständigen Angriffe in Wort und Tat, daß das Papsttum auch in unsern Tagen treu die Wache am Heiligtum der christlichen Religion gehalten, und daß es öfter und überzeu­gender, als irgendeine öffentliche Autorität auf Erden, die Aufmerksamkeit auf die kommunisti­sche Gefahr gerichtet hat.  

 

 

Notwendigkeit eines neuen feierlichen Dokumentes. 

1Ungeachtet dieser wiederholten väterlichen Mahnungen, die Ihr, Ehrwürdige Brüder, zu Un­serer großen Freude in Euren jüngsten Hirtenbriefen, auch den gemeinsamen, den Gläubigen so getreulich vermittelt und erklärt habt, wächst die Gefahr dennoch bei der unermüdlichen Wühlarbeit geschickter und skrupelloser Agitatoren von Tag zu Tag ...  

2Wir wollen also noch einmal in einer kurzen Zusammenfassung die Grundsätze des atheisti­schen Kommunismus darlegen, samt den Methoden seiner Aktion, wie sie sich vor allem im Bolschewismus offenbaren. Wir wollen dann diesen falschen Grundsätzen die Iichtvolle Lehre der Kirche gegenüberstellen und noch einmal mit allem Nachdruck die Mittel anempfehlen, mit denen die christliche Kultur, die einzig wahre Civitas humana, von dieser satanischen Geißel befreit und immer kräftiger entfaltet werden kann ­dies alles zum wahren Wohle der mensch­lichen Gesellschaft.  

 

II. 

 

Lehren und Früchte des Kommunismus. Lehren. 

Ein falsches Ideal. 

8. Der heutige Kommunismus birgt in einem höheren Maße, als es bei andern ähnlichen Bewe­gungen der Vergangenheit der Fall war, eine falsche Erlösungsidee in sich. Ein falsches Ideal von Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Arbeit durchglüht seine gesamte Lehre und Tätigkeit mit einem gewissen Mystizismus, der die mit trügerischen Versprechen gewon­nenen Massen in den suggestiv um sich greifenden Enthusiasmus einer mitreißenden Bewe­gung versetzt ... 

 

Der evolutionäre Materialismus von Karl Marx. 

9. Die Lehre, die der Kommunismus oft genug unter täuschenden Hüllen verbirgt, gründet sich im wesentlichen noch heute auf die von Marx verkündeten Grundsätze des sogenannten dia­lektischen Materialismus und des historischen Materialismus, dessen allein richtige Auslegung die Theoretiker des Bolschewismus zu vertreten glauben. Nach dieser Lehre gibt es nur eine einzige ursprüngliche Wirklichkeit, nämlich die Materie mit ihren blinden Kräften, aus denen sich Pflanze, Tier und Mensch entwickelt haben. Auch die menschliche Gesellschaft ist nichts anderes als eine Erscheinungsform dieser Materie, die sich in der angedeuteten Weise entwic­kelt und mit unausweichlicher Notwendigkeit in einem ständigen Kampf der Kräfte dem end­gültigen Ausgleich zustrebt: der klassenlosen Gesellschaft. Es leuchtet ein, daß in einem sol­chen System kein Platz mehr ist für die Idee Gottes, daß kein Unterschied mehr besteht zwi­schen Geist und Stoff, zwischen Seele und Leib, daß es kein Fortleben der Seele nach dem To­de mehr gibt, und darum auch keine Hoffnung auf ein anderes Leben. ... 

10. Des weiteren beraubt der Kommunismus den Menschen seiner Freiheit, der geistigen Grundlage seiner moralischen Lebensführung; der Persönlichkeit des Menschen nimmt er jede Würde und jeden moralischen Halt im Aufruhr blinder Instinkte. Was das Verhältnis des Ein­zelmenschen zur Gemeinschaft angeht, so anerkennt er keinerlei naturgegebene Rechte der menschlichen Persönlichkeit, da sie nach ihm nichts anderes ist als ein einfaches Rad im Gefü­ge einer Maschine. In den Beziehungen der Menschen untereinander proklamiert er das Prinzip der absoluten Gleichheit unter Leugnung einer jeglichen Überordnung und einer jeglichen Au­torität, die etwa von Gott begründet wäre, einschließlich der elterlichen; was immer aber unter Menschen an sogenannter Autorität und Unterordnung vorhanden ist, leitet sich ausschließlich aus der Gemeinschaft ab als seiner einzigen Quelle. Es gibt in diesem System für den einzel­nen keinerlei Eigentumsrecht mehr, weder an den Schätzen der Natur noch an den Mitteln der Produktion, da ein solches zum Erwerb weiterer Güter führen müßte und damit zur Macht des einen Menschen über den andern. Gerade deswegen muß diese Form des Privateigentums ra­dikal ausgerottet werden, ist es doch Anfang und Quelle einer jeglichen wirtschaftlichen Ver­sklavung. 

11. Für eine Lehre, die auf solche Weise dem menschlichen Leben jede Weihe und Geistigkeit nimmt, ist folgerichtig die Ehe und Familie eine rein willkürliche und bürgerliche Einrichtung oder auch das Ergebnis einer bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung; man leugnet die Exi­stenz des Ehebandes mit rechtlich­sittlicher Verpflichtung, die dem Belieben der einzelnen oder der Gesellschaft entzogen wäre, und folgerichtig auch seine Unauflöslichkeit. Insbesondere gibt es für den Kommunismus keinerlei Bindung der Frau an Familie und Heim. Er proklamiert das Prinzip der Emanzipation der Frau, entreißt sie dem häuslichen Leben und der Sorge für ihre Kinder, zieht sie vielmehr in die Offentlichkeit und in die kollektive Produktion im gleichen Ma­ße wie den Mann, und wälzt die Sorge für das Hauswesen und das Kind auf die Gesellschaft ab. Schließlich hat man das Recht der Erziehung den Eltern genommen und zu einem ausschließli­chen Recht der Gesellschaft gemacht, in deren Namen und Auftrag allein es von den Eltern ausgeübt werden darf. 

 

 

Was ist die Gesellschaft? 

12. Was müßte aus der menschlichen Gesellschaft werden, wollte man sie aufbauen auf solch' materialistischer Grundlage? Sie würde ein Kollektivwesen' einzig gegliedert nach den Erfor­dernissen des wirtschaftlichen Systems . . . Die sittliche und die rechtliche Ordnung wäre nichts anderes als ein Ausfluß des jeweiligen wirtschaftlichen Systems, also rein irdischen Ur­sprungs, veränderlich und hinfällig. Kurz, man unterfängt sich, eine neue Epoche und eine neue Zivilisation heraufzuführen, die Frucht einer blinden Entwicklung: "eine Menschheit ohne Gott". 

13. ... 

14. Das, Ehrwürdige Brüder, ist das neue Evangelium, das der bolschewistische und atheisti­sche Kommunismus als Heilsbotschaft und Erlösung der Menschheit bietet. Ein System voll von Irrtum und Trugschlüssen, das ebenso der gesunden Vernunft wie der göttlichen Offenbarung widerspricht. Es ist Umsturz jeder göttlichen Ordnung, weil Vernichtung ihrer letzten Grundla­gen. Es ist Verkennung des wahren Ursprungs, der Natur und des Zweckes des Staates. Es ist Entrechtung, Entwürdigung und Versklavung der menschlichen Persönlichkeit. 

 

 

Ausbreitung 

Trügerische Versprechen. 

15. Wie war es nur möglich, daß ein System, das wissenschaftlich schon lange überholt und durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt ist, wie war es nur möglich, so fragen Wir, daß ein solches System sich so unheimlich schnell über alle Länder der Welt hin verbreiten konnte? Die Erklärung dafür ist der Umstand, daß nur wenige die wahre Natur des Kommunismus völlig 

 

Der Liberalismus hat den Weg dazu bereitet. 

16. Um zu erklären, wie es dem Kommunismus gelingen konnte, sich bei so großen Arbeiter­massen prüfungslos durchzusetzen, hat man im Auge zu behalten, daß diese darauf durch die Vernachlässigung ihres religiös­sittlichen Lebens unter den Forderungen der liberalen Wirt­schaft bereits vorbereitet waren: mit den Arbeitsschichten auch an Sonntagen ließ man ihnen nicht einmal zur Erfüllung der schwersten religiösen Pflichten an Sonn­und Feiertagen Zeit. Man dachte nicht daran, in der Nähe der Arbeitsstätten Kirchen zu bauen oder die Arbeit des Seelsorgers zu erleichtern. Ja, man fuhr sogar fort, den Laizismus zu fördern und zu pflegen. Heute sieht man die Früchte jener Irrtümer reifen, die von Unsern Vorgängern und von Uns selbst so oft gekennzeichnet wurden, und man darf sich nicht wundern, daß in einer Welt, die schon weithin dem Christentum entfremdet worden ist, die kommunistische Irrlehre um sich greift. 

 

Schlaue und weitestgehende Propaganda. 

17. Ferner erklärt sich die rasche Verbreitung der kommunistischen Ideen, die in alle Länder dringen, die großen und die kleinen, die hochkultivierten und die weniger entwickelten, so daß kein Winkel dieser Erde mehr frei davon ist, aus einer wahrhaft dämonischen Propaganda, wie sie die Welt vielleicht bis heute noch nicht gesehen hat, einer Propaganda, die von einem ein­zigen Zentrum geleitet und äußerst geschickt den Lebensbedingungen der verschiedenen Völ­ker angepaßt ist ... 

 

Schweigekomplott der Presse. 

18. Ein weiteres mächtiges Hilfsmittel zur Verbreitung des Kommunismus ist ein wahres Kom­plott des Schweigens bei einem Großteil der nichtkatholischen Weltpresse ... Dieses Schweigen ist zum Teil politischer Kurzsichtigkeit zuzuschreiben und wird von verschiedenen geheimen Mächten begünstigt, die schon lange darauf ausgehen, die christliche Sozialordnung zu zerstö­ren. 

 

Traurige Wirkungen. 

Rußland und Mexiko. 

19. Inzwischen haben Wir die traurigen Wirkungen dieser Propaganda vor Unsern Augen. Wo der Kommunismus die Möglichkeit hatte, sich festzusetzen und seine Herrschaft aufzurichten ­Wir denken hier mit besonderer väterlicher Teilnahme an die Völker in Rußland und Mexiko ­da hat er sich (nach seinem eigenen Geständnis) mit allen Mitteln bemüht, die christliche Kul­tur und Religion radikal zu zerstören und jede Erinnerung daran in den Herzen der Menschen, insbesondere der Jugend, auszulöschen ... 

 

Greuel des Kommunismus in Spanien. 

20. Auch da, wo die Geißel des Kommunismus noch nicht Zeit gefunden hat, sich voll auszu­wirken, wie in Unserem heiß geliebten Spanien, ist er wie zum Entgelt leider mit einer noch roheren Gewalttätigkeit aufgetreten ... Es kann keinen klugen Privatmann mehr geben, keinen Staatsmann, wenn er sich nur seiner Verantwortung bewußt ist, der nicht erschaudern müßte bei dem Gedanken, es könnte das, was heute in Spanien geschieht, sich vielleicht morgen in anderen zivilisierten Nationen wiederholen. 

21. Man kann nämlich nicht sagen, es seien jene wüsten Ausschreitungen etwa nur eine vorü­bergehende Erscheinung, wie sie große Revolutionen zu begleiten pflegen, vereinzelte Ausbrü­che der Erbitterung, die in jedem Kriege vorkommen. Nein, es handelt sich um die naturgemä­ßen Früchte eines Systems, dem jegliche innere Zügelung fehlt. Zügelung ist notwendig für den einzelnen, notwendig auch für die Gesamtheit ... Wenn man aber die Gottesidee selber aus den Herzen der Menschen reißt, dann werden sie notwendig von ihren Leidenschaften zur grausamsten Barbarei getrieben. 


 

Kampf gegen alles, was göttlich ist. 

22. Das ist es gerade, was wir heute leider erleben: Zum erstenmal in der Geschichte sind wir Zeugen eines kalt geplanten und genau vorbereiteten Kampfes des Menschen gegen "alles, was göttlich ist" (9). Der Kommunismus ist seiner Natur nach antireligiös und betrachtet die Religion als "Opium für das Volk", weil angeblich die religiöse Lehre von einem Leben jenseits des Grabes den Proletarier ablenkt von seinem Einsatz für das Sowjetparadies, das von dieser Erde ist. 

 

III. 

Lichtvolle Lehre der Kirche. 

25. Nachdem Wir nun die Irrtümer und die gewaltsamen und hinterhältigen Methoden des bol­schewistischen und atheistischen Kommunismus dargelegt haben, Ehrwürdige Brüder, ist es an der Zeit, ihnen kurz den wahren Begriff der Civitas humana, der menschlichen Gesellschaft, gegenüberzustellen, wie er von der Vernunft und vom Glauben durch die Kirche, die Magistra gentium, gelehrt wird, und wie Ihr ihn schon kennt. 

 

Das erhabenste Wesen: Gott. 

26. Über allem wirklichen Sein steht das höchste, einzig erhabene Sein: Gott, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, der weiseste und gerechteste Richter aller Menschen. Dieses erhabenste Wesen, Gott, ist die unbedingte, unwiderrufliche Verwerfung der schamlosen Lügen des Kom­munismus. Wahrlich, nicht weil Menschen es glauben, existiert Gott; sondern weil er existiert, darum glauben und beten alle, die nicht mit Wissen und Willen ihr Auge vor der Wahrheit ver­schließen. 

 

Was Mensch und Familie nach Vernunft und Glauben sind. 

27. Was Vernunft und Glaube über den Menschen sagen, haben Wir in Unserm Rundschreiben über die christliche Erziehung in den wesentlichen Zügen dargelegt (10). Dem Menschen ist eine geistige und unsterbliche Seele zu eigen. Er ist Persönlichkeit, vom Schöpfer selber wun­derbar mit Gaben des Körpers und des Geistes ausgestattet. Er ist ein wahrer "Mikrokosmos", wie die Alten sagten, eine kleine Welt für sich, die an Wert die ungeheure unbelebte Welt weit übertrifft. Sein letztes Ziel hier und drüben ist Gott allein. Er ist durch die heiligmachende Gnade erhoben in den Stand der Gotteskindschaft und dem Gottesreich im mystischen Leibe Christi eingegliedert. Folgerichtig hat ihn Gott mit vielen und mannigfaltigen Vorrechten ausge­stattet: dem Recht auf Leben, auf die Unverletzlichkeit des Körpers, auf die zum Leben not­wendigen Mittel; dem Recht, dem letzten Ziele auf dem von Gott vorgezeichneten Wege zuzu­streben; dem Recht auf Zusammenschluß, Eigentum und Gebrauch des Eigentums. 

28. Die Ehe und das Recht auf ihren natürlichen Gebrauch sind göttlichen Ursprungs, ebenso wie auch die Einrichtung und die Grundrechte der Familie vom Schöpfer selbst bestimmt und festgelegt sind, nicht aber durch menschliche Willkür und nicht durch wirtschaftliche Faktoren. In dem Rundschreiben über die christliche Ehe (11) und in dem bereits erwähnten über die christliche Erziehung haben Wir eingehend darüber gesprochen. 

 

 

Gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen Mensch und Gesellschaft. 

29. Gott hat aber den Menschen auch auf die bürgerliche Gesellschaft hingeordnet als auf eine Forderung seiner Natur. Im Plan des Schöpfers ist die Gesellschaft ein natürliches Mittel, des­sen sich der Mensch zur Erreichung seines Zieles bedienen kann und soll. Denn die menschli­che Gesellschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Das soll freilich nicht im Sinne des individualistischen Liberalismus verstanden werden, der die Gesellschaft dem einzelnen zur egoistischen Ausnutzung unterordnet, sondern einzig in dem Sinne, daß einmal durch den or­ganischen Zusammenschluß zur Gesellschaft allen durch die wechselseitige Zusammenarbeit die Möglichkeit gegeben werde, ihr wahres irdisches Glück zu wirken; darüber hinaus aber auch, damit in der Gesellschaft die Gesamtheit der in der Menschennatur niedergelegten indi­viduellen und sozialen Anlagen zur Entfaltung komme und über das unmittelbar Nützliche hin­aus an göttlicher Vollkommenheit abbildlich zur Darstellung gelange, was in einem Einzelwesen überhaupt nicht verwirklicht werden kann. Aber auch dieses Letzte ist wieder schließlich nur um des Menschen willen, damit durch ihn dieser Abglanz göttlicher Vollkommenheit erkannt und in Lob und Anbetung auf den Schöpfer zurückbezogen werden kann. Nur der Mensch, die menschliche Persönlichkeit, nicht irgendeine menschliche Gesellschaft ist Träger von Verstand und freiem sittlichen Willen. 

30. Darum kann der einzelne sich niemals den gottgewollten Verpflichtungen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber entziehen, und die Träger der Autorität haben das Recht, ihn im wider­rechtlichen Weigerungsfall zur Erfüllung seiner Pflicht zu zwingen. Ebensowenig kann die Ge­sellschaft jemals den Einzelmenschen der ihm vom Schöpfer selbst verliehenen Persönlich­keitsrechte, deren hauptsächlichste Wir namhaft gemacht haben, berauben, noch ihm deren Gebrauch grundsätzlich unmöglich machen. Darum ist es vernunftgemäß und vernunftgefor­dert, daß letztlich auf die menschliche Persönlichkeit alles Irdische hingeordnet werde, damit es durch sie seine Rückbeziehung auf den Schöpfer finde. Auch auf den Menschen, die menschliche Persönlichkeit, kann man anwenden, was der Völkerapostel über die christliche Heilsökonomie an die Korinther schreibt: "Alles ist euer; ihr aber seid Christi; Christus ist Got­tes." (12) So tief der Kommunismus die menschliche Persönlichkeit durch die Umkehr der Be­griffe in den Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft erniedrigt, so hoch wird sie durch die Vernunft und durch die Offenbarung erhoben. 

 

 

Die wirtschaftlich­soziale Ordnung. 

31. Ober die wirtschaftlich­soziale Ordnung sind die leitenden Grundsätze in dem sozialen Rundschreiben Leos XIII. über die Arbeiterfrage (13) niedergelegt und in Unserm eigenen über die Neugestaltung der sozialen Ordnung (14) den Erfordernissen der Gegenwart angepaßt. Wir haben von neuem die althergebrachte Lehre der Kirche über den individuellen und sozialen Charakter des Privateigentums betont und dann Recht und Würde der Arbeit genauer um­schrieben, ebenso die gegenseitige Stütze und Hilfe, wie sie zwischen den Vertretern des Kapi­tals und den Arbeitnehmern obwalten sollen, endlich den gerechten Lohn, den man nach strenger Gerechtigkeit dem Arbeiter für sich und seine Familie schuldet. 

32. In den gleichen Enzyklika haben Wir gezeigt, daß die Rettung der heutigen Welt aus dem traurigen Zusammenbruch infolge eines moralisch hemmungslosen Liberalismus nicht im Klas­senkampf und im Terror liegt, viel weniger noch im selbstherrlichen Mißbrauch der staatlichen Gewalt, sondern in der Durchdringung der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung mit dem Gei­ste der sozialen Gerechtigkeit und der christlichen Liebe. Wir haben gezeigt, wie gesunde Ver­hältnisse wiederhergestellt werden müssen nach den wahren Prinzipien einer vernünftigen ständischen Gliederung, unter Wahrung der notwendigen sozialen Ober­und Unterordnung, und wie sich alle Stände im Hinblick auf das Gemeinwohl zu einer harmonischen Einheit zu­sammenschließen müssen. Gerade in der wirksamen Förderung dieser Harmonie und dieser Einordnung aller sozialen Kräfte besteht die ureigenste und wichtigste Aufgabe der öffentlichen und bürgerlichen Gewalt. 

33. Im Hinblick auf dieses organische Zusammenwirken für Ruhe und Ordnung schreibt die katholische Lehre dem Staat die Würde und die Autorität eines wachsamen und weitblickenden Verteidigers der göttlichen und menschlichen Rechte zu, die von der Heiligen Schrift und von den Kirchenvätern so oft betont werden. Es ist unwahr, daß alle in der menschlichen Gesell­schaft gleichen Rechtes seien und daß es keine rechtmäßige Ober­und Unterordnung gebe. Wir verweisen hier auf die oben bereits kurz erwähnten Rundschreiben Leos XIII., besonders auf jenes über die Staatsgewalt (15) und jenes über die christliche Staatsverfassung (16). Hier findet der Katholik die klaren Grundsätze der Vernunft und des Glaubens, die ihn befähigen werden, sich gegen das Irrige und Gefährliche der kommunistischen Staatsauffassung zu schützen. Die Entrechtung und die Versklavung des Menschen, die Leugnung des letztlich überweltlichen Ursprungs des Staates und der Staatsgewalt, der erschreckende Mißbrauch der öffentlichen Gewalt im Dienste des kollektivistischen Terrorismus sind das Gegenteil von dem, was der natürlichen Sittenlehre und dem Willen des Schöpfers entspricht. Mensch und bürgerli­che Gesellschaft gehen beide auf den Schöpfer als auf ihren Urheber zurück; sie sind vom Schöpfer aufeinander hingeordnet; darum kann keiner von beiden sich den Pflichten, die er dem andern gegenüber hat, entziehen noch dessen Rechte leugnen oder schmälern. Der Schöpfer selbst hat dieses wechselseitige Verhältnis in seinen Grundsätzen geregelt, und es ist ungerechte Anmaßung, wenn der Kommunismus es sich herausnimmt, an die Stelle des göttli­chen Gesetzes, das sich auf die unveränderlichen Grundsätze der Wahrheit und der Liebe gründet, ein politisches Parteiprogramm aufzuzwingen, das aus menschlicher Willkür hervor­geht, und das gesättigt ist mit Haß ... 

 

 

Ist die Kirche wirklich nicht nach ihrer Lehre vorgegangen? 

36. Wenn nun auch die Feinde der Kirche gezwungen sind, die Weisheit ihrer Lehre anzuerken­nen, so erheben sie gegen die Kirche doch den Vorwurf, ihr Handeln habe nicht im Einklang damit gestanden, und so müßten sie andere Wege suchen. Wie falsch und ungerecht diese Anklage ist, zeigt die ganze Geschichte des Christentums ... 

37. Ihren Grundsätzen getreu hat die Kirche die menschliche Gesellschaft erneuert; unter ih­rem Einfluß entstanden die Wunderwerke der Caritas, die mächtigen Zünfte der Handwerker und Arbeiter jeder Art, wohl belächelt als "Mittelalter" vom Liberalismus des verflossenen Jahr­hunderts, heute aber wieder Gegenstand der Bewunderung unserer Zeitgenossen, die sich in vielen Ländern bemühen, wenigstens die Grundgedanken davon in irgendeiner Form wieder aufleben zu lassen. 

38. So darf man der vollen Wahrheit gemäß behaupten, daß die Kirche, Christus ähnlich, allen Wohltaten spendend durch die Jahrhunderte schreitet. Es gäbe keinen Sozialismus und keinen Kommunismus, wenn die Lenker der Völker die Lehren und die mütterlichen Mahnungen der Kirche nicht verachtet hätten. Statt dessen haben sie auf dem Boden des Liberalismus und des Laizismus andere soziale Gebäude errichtet. Mächtig und großartig schienen sie anfangs zu sein, aber bald zeigte es sich, daß sie kein tragfähiges Fundament besaßen, und so brachen sie eines nach dem andern elend zusammen, wie denn alles zusammenbrechen muß, was nicht auf dem einzigen Eckstein ruht: Jesus Christus. 

 

IV. 

 

Heil­und Hilfsmittel. 

Ihre Notwendigkeit. 

39. Das ist, Ehrwürdige Brüder, die Lehre der Kirche, die einzige, die imstande ist, wie auf je­dem andern Gebiet, so auch auf dem sozialen, das wahre Licht zu bringen, die einzige, die Ret­tung verspricht gegenüber den kommunistischen Ideen ... 

40. Was ist also zu tun und welche Mittel sind anzuwenden, um Christus und die christliche Kultur gegen jenen furchtbaren Feind zu verteidigen? ... 

 

 

Erneuerung des christlichen Lebens. 

Hauptheilmittel. 

41. Wie in allen Zeiten, auch den sturmbewegtesten der Kirchengeschichte, so besteht auch heute das entscheidende Heilmittel in einer aufrichtigen Erneuerung des privaten und des öf­fentlichen Lebens nach den Grundsätzen des Evangeliums bei all' denen, die sich rühmen, zur Herde Christi zu gehören, damit sie in Wahrheit das Salz der Erde seien, das die menschliche Gesellschaft vor der völligen Zersetzung bewahrt. 

 

Losschälung von den irdischen Gütern. 

44. Und hier wollen Wir nun, Ehrwürdige Brüder, mehr im einzelnen auf zwei Lehren unseres Herrn eingehen, die für die heutige Lage der Menschheit von besonderer Bedeutung sind: die Losschälung von den irdischen Gütern und das Gebot der Liebe. "Selig sind die Armen im Gei­ste" (17), das waren die ersten Worte unseres göttlichen Meisters in seiner Bergpredigt. Dieser Lehre bedarf mehr als je diese Zeit des Materialismus, die sich gierig auf die Güter und die Freuden dieser Erde stürzt. Alle Christen, ob reich, ob arm, müssen immer ihren Blick auf den Himmel gerichtet halten, eingedenk der Worte, daß wir "hier keine bleibende Stätte haben, sondern eine zukünftige suchen" (18). Die Reichen sollen nicht ihr Glück auf die Schätze dieser Erde gründen, noch ihre besten Kräfte auf ihren Erwerb richten. Vielmehr sollen sie sich bloß als Verwalter betrachten, die wissen, daß sie einmal davon Rechenschaft ablegen müssen vor dem höchsten Richter, und ihre Güter nur als kostbare Mittel betrachten, die Gott ihnen ge­schenkt hat, auf daß sie Gutes damit wirken; sie mögen ferner nicht aufhören, von ihrem Überfluß den Armen abzugeben, wie das Evangelium es befiehlt (19). 

45. Aber auch die Armen müssen ihrerseits, wenn sie sich das Notwendige nach den Gesetzen der Liebe und der Gerechtigkeit erwerben, und auch wenn sie an die Verbesserung ihrer Lage denken, "Arme im Geiste" (20) bleiben, die geistlichen Güter höher schätzen als die Güter und Freuden dieser Welt. Sie mögen dann nicht vergessen, daß es niemals gelingen wird, Elend, Schmerz und Trübsal von dieser Erde zu verdrängen; leiden doch auch jene darunter, denen dem äußeren Anschein nach ein so viel glücklicheres Los zugefallen ist. Und so bedürfen alle der Geduld, jener christlichen Geduld, die das Herz erhebt zu den göttlichen Verheißungen ei­nes ewigen Glückes: "Seid daher geduldig, Brüder, bis der Herr kommt" (21)... Nur so wird sich die tröstliche Verheißung des Herrn erfüllen: "Selig die Armen!" Das ist ein Trost und eine Verheißung, nicht leer, wie es die Versprechungen der Kommunisten sind; vielmehr sind es Worte des Lebens, die vollste Wirklichkeit enthalten und sich restlos erfüllen werden hier auf Erden und später in der Ewigkeit. Wie viele Arme finden tatsächlich in diesen Worten und in der Erwartung des Himmelreiches, das ja bereits als ihr Eigentum verkündet worden ist: "denn ihrer ist das Gottesreich" (22), ein Glück, wie es viele Reiche in ihrem Reichtum nicht finden; sind sie doch immer unruhig und dürsten sie doch immer nach mehr. 

 

 

Christliche Liebe. 

46. Wichtiger noch oder gewiß noch unmittelbarer für die Heilung des Übels bestimmt, von dem Wir handeln, ist das Gebot der Liebe ... Wir danken allen jenen, die in den Einrichtungen der Caritas, angefangen von den Konferenzen des heiligen Vinzenz von Paul bis zu den großen neueren Organisationen der sozialen Hilfe die Werke der leiblichen und der geistlichen Barm­herzigkeit geübt haben, und die noch darin tätig sind. Je mehr die Arbeiter und Armen an sich selbst erfahren, was es ist um den Geist einer in Christus für sie tätigen Liebe, um so mehr werden sie von dem Vorurteil befreit werden, es habe das Christentum seine Kraft verloren, und es stehe die Kirche auf seiten derer, die ihre Arbeit ausbeuten ... 

 

49. Niemals aber wird die Liebe echt sein, wenn sie nicht stets auch der Gerechtigkeit genügt ... Die Arbeiter sind hinsichtlich der Pflichten anderer ihnen gegenüber mit Recht sehr feinfüh­lig, haben doch auch sie ihre Würde. 

50. Deshalb wenden Wir Uns in besonderer Weise an Euch, christliche Arbeitgeber und Unter­nehmer, deren Aufgabe oft so schwierig ist. Ihr seid ja noch belastet mit dem Erbe von Irrtü­mern einer ungerechten Wirtschaftsführung, die ihren zersetzenden Einfluß Generationen hin­durch ausgeübt hat. Seid eingedenk Eurer Verantwortung. Leider ist es wahr, daß auch das Verhalten gewisser katholischer Kreise dazu beigetragen hat, das Vertrauen des arbeitenden Volkes zur Religion Jesu Christi zu erschüttern. Diese wollten nicht begreifen, daß die christli­che Nächstenliebe auch die Anerkennung gewisser Rechte verlangt, die dem Arbeiter zustehen, und die ihm die Kirche ausdrücklich zuerkannt hat. Was soll man dazu sagen, daß irgendwo katholische Arbeitgeber die Verlesung der Enzyklika Quadragesimo anno in ihren Patronatskir­chen zu verhindern wußten? Was soll man dazu sagen, daß katholische Arbeitgeber bis auf den heutigen Tag sich als Feinde einer von Uns selbst befürworteten christlichen Arbeiterbewegung bewiesen haben? Und ist es nicht beklagenswert, daß das Recht auf Eigentum, das die Kirche anerkennt, mitunter dazu benutzt wurde, um den Arbeiter um seinen gerechten Lohn und um seine sozialen Rechte zu bringen? 

 

 

Die soziale Gerechtigkeit. 

51. In der Tat gibt es außer der strengen ausgleichenden Gerechtigkeit auch eine soziale Ge­rechtigkeit, die ihrerseits Pflichten auferlegt, denen sich weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer entziehen können ... 

52. Man wird jedoch nicht sagen können, der sozialen Gerechtigkeit sei Genüge geschehen, wenn dem Arbeiter nicht der eigene Unterhalt und der seiner Familie gesichert ist durch einen Lohn, der diesem Zweck entspricht; wenn man, um dem Unglück eines allgemeinen Pauperis­mus vorzubeugen, es ihm nicht leicht macht, ein bescheidenes Vermögen zu erwerben; wenn man nicht vorsorgt zu seinem Gunsten, sei es durch öffentliche oder private Versicherungen, für die Zeit des Alters, der Krankheit oder der Beschäftigungslosigkeit ... 

53. ... Aber auch die Arbeiter mögen der Pflichten der Liebe und der Gerechtigkeit gegenüber ihren Arbeitgebern eingedenk bleiben und überzeugt sein, daß sie damit auch ihre eigenen Interessen besser schützen ... 

 

 

Studium und Verbreitung der Soziallehre. 

55. Um dieser sozialen Aktion einen größeren Erfolg zu sichern, ist es dringend notwendig, das Studium der sozialen Probleme im Lichte der Lehre der Kirche zu fördern und die Unterweisung in derselben unter der Leitung der von Gott in der Kirche eingesetzten Autorität zu verbreiten ... Es mögen die Menschen erleuchtet werden durch das sichere Licht der katholischen Lehre und ihr Wille geneigt, sie auszuführen und anzuwenden als eine Norm richtiger Lebensführung. 

56. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Erneuerung kann die katholische Presse leisten. Sie kann und muß in erster Linie auf mannigfaltige und anziehende Weise dafür sorgen, daß die Sozial­lehre immer besser verstanden werde. Sie soll sachlich genau, aber auch mit hinreichender Ausführlichkeit über die Tätigkeit der Feinde unterrichten und die Kampfmittel darlegen, die sich in verschiedenen Ländern als die wirksamsten erwiesen haben. Sie soll gute Ratschläge erteilen und warnen vor den Listen und Schlichen, mit denen die Kommunisten gutgläubige Menschen nicht ohne Erfolg zu sich herüberzuziehen suchen. 

 

 

Schutz vor den Schlichen des Kommunismus. 

58. Sorget dafür, Ehrwürdige Brüder, daß sich die Gläubigen nicht täuschen lassen! Der Kom­munismus ist in seinem innersten Kern schlecht, und es darf sich auf keinem Gebiet mit ihm auf Zusammenarbeit einlassen, wer immer die christliche Kultur retten will. Und wenn manche Getäuschte zum Siege des Kommunismus in ihrem Lande beitragen würden, gerade sie werden als erste Opfer ihres Irrtums fallen. Je mehr ein Land, in das sich der Kommunismus einzu­schleichen weiß, durch Alter und Größe seiner christlichen Kultur hervorragt, um so verheeren­der wird sich in ihm der Haß der Leute "ohne Gott" austoben ... 

V. 

 

Organe und Hilfskräfte für dieses Sozialwerk der Kirche. 

Die Priester. 

60. Für das Werk der Rettung der Welt, das Wir soeben umrissen, und für die Anwendung der Heilmittel, die Wir kurz angegeben haben, sind nach dem Evangelium Organe und Helfer vom göttlichen König Jesus Christus selbst dazu bestimmt, in erster Linie die Priester. Ihnen ist, kraft besonderen Berufes, unter der Führung ihrer Oberhirten und in kindlich folgsamer Verei­nigung mit dem Stellvertreter Christi auf Erden, die Aufgabe anvertraut, in der Welt die Fackel des Glaubens brennend zu erhalten und in die Herzen der Gläubigen jenes übernatürliche Ver­trauen zu senken, mit dem die Kirche im Namen Christi so viele Schlachten geschlagen und so viele Siege errungen hat: "Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube." (23) Mit besonderem Nachdruck rufen Wir den Priestern die so oft wiederholte Mahnung Unseres Vor­gängers Leo XIII. ins Gedächtnis zurück, zum Arbeiter zu gehen. Wir machen diese Mahnung zur Unsern und ergänzen sie: "Gehet zum Arbeiter, vor allem zum armen Arbeiter, und über­haupt, geht zu den Armen", und befolgt so die Lehre Jesu und seiner Kirche. Die Armen sind ja in der Tat den Nachstellungen der Aufwiegler besonders ausgesetzt, die ihre Notlage ausnut­zen, um den Neid gegen die Reichen bei ihnen zu erregen und sie dahin zu bringen, daß sie sich mit Gewalt nehmen, was ihnen das Glück ungerechterweise versagt zu haben scheint. Wenn der Priester nicht zu den Arbeitern und zu den Armen geht, um ihnen die Augen zu öff­nen und sie vor Vorurteilen und falschen Theorien zu bewahren, so werden sie leicht eine Beu­te der Sendlinge des Kommunismus. ... 

 

Pflichten des christlichen Staates. 

Hilfe für die Kirche. 

73. Wir haben, Ehrwürdige Brüder, die positive Aufgabe dargelegt, sowohl nach der lehrhaften als nach der praktischen Seite hin, die die Kirche auf sich nimmt auf Grund eben jener Sen­dung, die ihr von Christus anvertraut ist, die menschliche Gesellschaft aufzubauen und, was unsere Zeiten betrifft, die Macht des Kommunismus zu bekämpfen und zu brechen. Und Wir haben die Klassen der Gesellschaft, alle zusammen und jede einzeln, aufgerufen. Zu dieser gleichen geistigen Aufgabe der Kirche muß der christliche Staat positiv das Seine beitragen, indem er sie dabei mit den ihm eigenen Mitteln unterstützt, die gewiß äußerlicher Natur sind, nichtsdestoweniger aber letztlich auf das Heil der Seelen abzielen. 

74. So müssen denn die Staaten alles tun, um zu verhindern, daß eine gottlose Propaganda, die alle Fundamente der Ordnung umkehrt, in ihren Ländern Unheil anrichtet; denn es gibt keine Autorität auf Erden ohne Anerkennung der Autorität der göttlichen Majestät; es wird kein Eid mehr Geltung haben, wenn er nicht geschworen wird im Namen des lebendigen Gottes. Wir wiederholen hier, was Wir oft und mit solchem Nachdruck gesagt haben, vor allem in der En­zyklika Caritate Christi: "Wie können Verträge Bestand haben, wie Abmachungen bindende Kraft besitzen, wo es keine Garantie durch das Gewissen gibt? Kann überhaupt noch von einer Garantie durch das Gewissen die Rede sein, wo jeder Gottesglaube und jede Gottesfurcht ge­schwunden ist? Zerstört diese Grundlage ­und jedes Sittengesetz fällt mit ihr. Kein Mittel ver­mag mehr dem stufenweise fortschreitenden, unvermeidlichen Verderben der Völker, der Fa­milien, des Staates, ja der menschlichen Kultur Einhalt zu gebieten." (24) ... 

 

 

77. Zu gleicher Zeit aber muß der Staat der Kirche die volle Freiheit lassen, ihre göttliche und durchaus geistliche Sendung zu erfüllen und eben dadurch auch kraftvoll zur Rettung der Völ­ker aus dem furchtbaren Sturm der gegenwärtigen Stunde beizutragen. Man richtet heute überall einen angstvollen Appell an alle moralischen und geistigen Kräfte; und das ist wohl zu begreifen, denn das Übel, das es zu bekämpfen gilt, ist vor allem, in seinem Quellgrund be­trachtet, ein Übel geistiger Natur, und eben nur aus dieser Quelle entspringen mit teuflischer Folgerichtigkeit alle die Ungeheuerlichkeiten des Kommunismus. Nun nimmt aber unter den moralischen und religiösen Mächten die katholische Kirche unbestreitbar den ersten Rang ein; und so verlangt das Wohl der Menschheit, daß man ihrer Tätigkeit keine Hindernisse in den Weg lege. 

78. Handelt man anders oder behauptet man zugleich, man könne mit rein wirtschaftlichen und politischen Kräften zum Ziele gelangen, so befindet man sich in einem gefährlichen Irrtum. Schließt man die Religion von der Schule aus, von der Erziehung, vom öffentlichen Leben, gibt man die Vertreter des Christentums und seine heiligen Gebräuche dem Gespötte preis, fördert man dann nicht eben jenen Materialismus, aus dem der Kommunismus hervorwuchert? Weder die Macht, sei sie auch noch so gut organisiert, noch die Ideale dieser Welt, seien es auch die größten und edelsten, können eine Bewegung meistern, die ihre Wurzeln eben in der Über­schätzung der Güter dieser Erde hat. 

79. Wir vertrauen darauf, daß jene, die die Schicksale der Völker zu lenken haben, wenn sie auch nur ein wenig die äußerste Gefahr, von der heute die Völker bedroht sind, erkennen, es immer besser als ihre höchste Pflicht erkennen, daß sie die Kirche nicht hindern dürfen bei ih­rer heiligen Sendung. Und das um so mehr, weil sie dadurch, daß sie das ewige Glück des Menschen im Auge hat, untrennbar davon auch arbeitet für das wahre zeitliche Wohlergehen. 

 

 

Väterlicher Aufruf an die Irrenden. 

80. Aber Wir können dieses Rundschreiben nicht schließen, ohne noch ein Wort an jene Unse­rer Söhne zu richten, die vom Übel des Kommunismus schon wirklich oder doch beinahe ange­steckt sind. Wir ermahnen sie lebhaft, auf die Stimme des Vaters zu hören, der sie liebt; und Wir beten zum Herrn, daß er sie erleuchte, damit sie die abschüssige Bahn verlassen, auf der alles in einer ungeheuren Katastrophe dem Untergang zustürzt und damit sie auch erkennen, daß es nur einen einzigen Erlöser gibt, Jesus Christus, unsern Herrn; "denn es ist unter dem Himmel den Menschen kein anderer Name gegeben, in dem wir selig werden sollen". (25) 

 

Schluß. Der heilige Joseph, Vorbild und Patron. 

81. Um den von allen ersehnten "Frieden Christi im Reiche Christi" (26) bald herbeizuführen, stellen Wir die große Aktion der katholischen Kirche gegen den atheistischen Weltkommunis­mus unter den Schutz des mächtigen Schirrnherrn der Kirche, des heiligen Joseph. Er gehört dem arbeitenden Stande an und hat die Last der Armut erfahren für sich und für die heilige Familie, deren wachsames und liebevolles Haupt er war ... 

82. Die Augen gerichtet nach oben, schaut Unser Glaube den neuen Himmel und die neue Er­de, von denen Unser erster Vorgänger, der heilige Petrus, spricht (27). Während die Verhei­ßungen der falschen Propheten dieser Erde in Blut und Tränen versinken, erstrahlt in himmli­scher Schönheit die große apokalyptische Prophetie des Welterlösers: "Siehe, ich mache alles neu!" (28) ... 

 

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am Feste des heiligen Joseph, des Schutzpatrons der ganzen Kirche, am 19. März 1937, im 16. Jahre Unseres Pontifikates. 

Pius XI., Papst. 

 

1. Enzykl. Qui pluribus, 9. Nov. 1846 (Acta Pii IX, vol. I, p. 13). Cf. Syllabus § IV (A.S.S.,
vol. III, p. 170).
2. 28. Dez. 1878, Enzykl. Quod Apostolici muneris (Acta Leonis XIII, vol. I, p. 46).
3. 18. Dez. 1924 (A.A.S., vol. XVI, 1924, pp. 494-495).
4. 8. Mai 1928 (A.A.S., vol. XX, 1928, pp. 165-178).
5. 15. Mai 1931 (A.A.S., vol. XXIII, 1931, pp. 177-228).
6. 3. Mai 1932 (A.A.S., vol. XXIV, 1932, pp. 177-194).
7. 29. Sept. 1932 (A.A.S., vol. XXIV, 1932, pp. 321-332).
8. 3. Juni 1933 (A.A.S., vol. XXV, 1933, pp. 261-274).
9. Vgl. 2. Thess., 2, 4.
10. Enzykl. Divini illius Magistri, 31. Dez. 1929 (A.A.S., vol. XXII, 1930, pp. 49-86).
11. Enzykl. Casti connubii, 31.Dez.1930 (A.A.S., vol. XXII, 1930, pp. 539-592).
12. 1. Cor., 3' 23.
13. Enzykl. Rerum novarum, 15. Mai 1891 (Acta Leonis XIII, vol. IV, pp. 177-209).
14. Enzykl. Quadragesimo anno, 15. Mai 1931 (A.A.S., vol. XXIII, 1931, pp. 177-228).
15. Enzykl. Diutumum illud, 20. Juni 1881 (Acta Leonis XIII, vol. I, pp. 210-222).
16. Enzykl. Immortale Dei, 1. Nov. 1885 (Acta Leonis XIII, vol. II, pp. 146-168).
17.Mt., 5, 3.
18.Hebr., 13,14.
19. Lk., 11,41.
20.Mt., 5, 3.
21. Jak., 5, 7, 8.
22. Lk., 6, 20.
23. 1. Joh., 5, 4.
24. Enzykl. Caritate Christi, 3. Mai 1932 (A.A.S., vol. XXIV, 1932, p. 190).
25.Apg. 4,12.
26. Enzykl. Ubi arcano, 23. Dez. 1922 (A.A.S., XIV, 1922, p. 691).
27. 2. Petr. 3, 13; vgl. Js. 45, 17; 46, 22; Geh. Off., 21, 1.
28.Geh. Off., 21, 5.


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