Schrift (Die Autorität) (1968) PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 04. Oktober 1968 um 01:00 Uhr

Schrift von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre
Die Autorität

„Die Kirche ist hierarchisch und nicht demokratisch in dem Sinn, daß die Gemeinde einen Vorrang des Glaubens und der Autorität hätte gegenüber gerade denjenigen, die der Heilige Geist an die Spitze seiner Kirche gesetzt hat.“ (Unser Heiliger Vater, Paul VI., am 2. Februar 1968)

(Schrift (Die Autorität))

„Die erstaunlichste Mitteilung in der Wochenpresse dieser Woche ist wahrscheinlich ein Brief, den ,Rivarol’ veröffentlicht und der von Msgr. Marcel Lefebvre unterzeichnet ist, dem Generaloberen der Väter vom Heiligen Geist in Rom; er ist an einen Mitarbeiter der Zeitschrift gerichtet, der in einem Artikel ,die derzeitige Lage der Kirche’ angeprangert hatte.“
Mit diesen Worten begann der Redakteur, der in „Le Monde“ mit der wöchentlichen Presseschau beauftragt ist, seine Chronik in der Nummer vom 14./15. Januar. Soll ich zugeben, daß mich sein Erstauntsein in Erstaunen versetzte? Denn was wird in diesem Brief gesagt, - aus dem er übrigens folgenden Auszug wiedergibt – das ihn so sehr erstaunen könnte?
„Sie erraten, daß ich ebensosehr wie Sie, oder sogar noch mehr entsetzt bin über das Fortschreiten des Verderbens in der Kirche. Die satanischen Kräfte sind gewaltig. Der Kommunismus kann sich freuen. Ihr Artikel ist vollkommen richtig. Wenn die Tatsachen auch noch nicht an dem Punkt angelangt sind, den Sie beschreiben, so ist doch der Geist der Demokratisierung bereits da, und Sie haben den Finger in die Wunde gelegt.
Mit diesen Grundsätzen zersprengt man die Kirche von innen heraus, denn ihre Verfassung ist göttlich und beruht ganz und gar auf der göttlichen Autorität und derjenigen von Personen mit göttlichem Auftrag. In diese Verfassung die Demokratie einschleusen bedeutet, eine innere Zwiespältigkeit hervorzurufen, welche der Wurm der Fäulnis ist, der alles zernagt. Wir bemerken schon überall die Auflehnung, in den Pfarreien, in den Diözesen, den Ordensgemeinschaften; nichts bleibt verschont. Es ist das Virus der galoppierenden Schwindsucht!...“
Hat nicht der Heilige Vater zu wiederholten Malen davor gewarnt, gewisse Aussagen des Konzils über die Würde der menschlichen Person falsch auszulegen, eine Auslegung, die zum Verwerfen der Autorität und zur Mißachtung des Gehorsams führen würde? Die letzte dieser Ermahnungen ist kaum einige Tage alt. Der Papst hat „die Tugend des Gehorsams“ gepriesen und den Satz ausgesprochen, den wir als Motto über diese Abhandlung gesetzt haben, als er die Vertreter verschiedener kirchlicher Institutionen empfing, die gekommen waren, um ihm geweihte Kerzen zum Fest Mariä Lichtmeß zu überreichen.
Die Tatsachen, die die Folgen dieser falschen Auslegung offenbaren, sind leider so zahlreich, daß sie die Befürchtungen des Heiligen Vaters in hohem Maße rechtfertigen. Sind wir nicht entsetzt über die offene Auflehnung gewisser Gruppen der Katholischen Aktion gegen ihre Bischöfe, von Seminaristen gegen ihre Vorgesetzten, von Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen, die eine verächtliche Haltung gegenüber der Autorität an den Tag legen und deren Ausübung unmöglich machen?
Da die Menschenwürde, die Überschätzung des persönlichen Gewissens das oberste Gebot des sittlichen Lebens geworden ist, so werden die persönlichen Begabungen zum Vorwand, um die Autorität zu einem Merkmal der Einheit ohne jegliche Befugnis schrumpfen zu lassen. Wie sollen wir diese Gärung als Vorspiel zur offenen Auflehnung nicht mit der Gewissensfreiheit in Verbindung bringen, die die Quelle großen Unglücks in den verflossenen Jahrhunderten gewesen ist?
Uns scheint es geratener als je zu sein, den wahren Begriff von Autorität wiederherzustellen und deren Wohltaten zu zeigen, wie sie von der Vorsehung gewollt sind in den zwei natürlichen Gesellschaften göttlichen Rechts, die auf dieser Welt auf jeden einzelnen einen vorrangigen Einfluß ausüben: die Familie und die staatliche Gesellschaft

Das Wesen der Autorität
Es ist von Vorteil, wenn wir uns daran erinnern, daß die Autorität die formale Ursache der Gemeinschaft ist. Es gehört also zu ihrem Wesen, alles zu leiten und in eine Richtung zu lenken, was zum Ziel der Gemeinschaft beiträgt, das bedeutet folglich, zum Gemeinwohl aller Mitglieder. Da die Mitglieder einer Gemeinschaft verständige Wesen sind, soll die Autorität sie zu ihrem gemeinsamen Ziel führen durch Anweisungen oder Gesetze; sie wacht über deren Einhaltung und bestraft die Widersetzlichen.
Der Gegenstand der Autorität kann auf verschiedene Weise bezeichnet werden, aber die Gewalt, die diese Person hat, das heißt die Möglichkeit, andere menschliche Wesen anzuführen, kann nur ein Teilhaben an der Autorität Gottes sein. Da die Gesellschaften verschiedenartig sind, können die Regeln, die das Ausüben der Autorität betreffen, sehr verschieden sein, trotzdem werden sie den göttlichen Ursprung der Autorität nie aufheben. „Es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott käme“ (der hl. Paulus an die Römer, Kap. XIII, Vers 1). „Du hättest keine Gewalt über Mich, wenn sie dir nicht von Oben gegen wäre“, sagt Unser Herr zu Pilatus (Joh. 19, 1).
Jolivet beschreibt in seiner Abhandlung über die Philosophie die erste Quelle der Autorität folgendermaßen (Band II, S. 384): „Gott allein hat ein unmittelbares Recht zu befehlen, weil ein solches Recht, dessen Bestand es ist, den Willen zu verpflichten, nur dem zustehen kann, der Sein und Leben gibt. Daher sagten wir, daß Gott das ,lebendige Recht’ ist, weil Er der erste Ursprung alles dessen ist, was ist. Daraus folgt, daß jede Autorität, ganz gleich, um welche Gesellschaft es sich handelt, nur als Abordnung von Gott ausgeübt werden kann. Jedes Oberhaupt, das eine gesetzmäßige Amtsgewalt trägt, ist der Stellvertreter Gottes.“
Da die Autorität das Gemeinwohl der Mitglieder zum Ziel hat und da die Mitglieder selbst aus eigener Entscheidung wünschen, daß sie dieses Gut erhalten, dürfte es dabei nie zum Zusammenstoß zwischen der Autorität und den Gliedern kommen, die das gleiche Ziel zu erreichen suchen. An sich dürfte keine Gegnerschaft aufkommen zwischen dem Führer und dem Geführten, zwischen Autorität und Freiheit.
Aber weil die Autorität nicht mehr das wahre Gemeinwohl sucht oder weil der Untergebene seinen eigenen Vorteil dem wahren Gemeinwohl vorzieht, gibt es Streit und Mißverständnisse. Außer dem Fall der gegenteiligen Offensichtlichkeit, ist die rechtmäßige und kluge Autorität in der Lage, das Gemeinwohl richtig einzuschätzen und die Mitglieder müssen sich von vornherein diesem Urteil unterwerfen. Wenn jemand sein persönliches Urteil dem der rechtmäßigen Autorität vorzieht, so zerstört er die Gemeinschaft. Wenn wir uns den Anweisungen der rechtmäßigen Autorität unterwerfen, so üben wir damit die Tugend des Gehorsams, von der Unser Herr ein erschütterndes Beispiel gegeben hat, als Er sogar Sein Leben zum Opfer brachte aus Gehorsam, oboediens usque ad mortem – gehorsam bis zum Tod.
Der hl. Papst Pius X. schreibt in seinem Brief „Unser apostolisches Amt“ vom 25. August 1910: „Hat etwa nicht jede Gesellschaft vernunftbegabter, unabhängiger und ungleicher Geschöpfe eine Autorität nötig, die ihre Tätigkeit zum Gemeinwohl hinlenkt und die ihr ihr Gesetz auferlegt? Können wir mit einem Körnchen Verstand behaupten, daß eine Unverträglichkeit besteht zwischen Autorität und Freiheit, außer wir täuschen uns grundlegend über das Wesen der Freiheit? Können wir lehren, daß der Gehorsam gegen die Würde der menschlichen Person sei und daß es ideal wäre, ihn durch die ‚Zustimmung zur Autorität’ zu ersetzen?
Hatte der Apostel Paulus nicht die menschliche Gesellschaft vor Augen, und zwar in allen ihren möglichen Zeitabschnitten, als er den Gläubigen vorschrieb, jeder Obrigkeit untertan zu sein? Wäre etwa der Stand des Ordensmannes, der auf dem Gehorsam beruht, dem Ideal der menschlichen Natur entgegengesetzt? Waren etwa die Heiligen, die die gehorsamsten Menschen waren, Sklaven und Krüppel? …“

Wohltat der Autorität in der Familiengemeinschaft
Wenn es im menschlichen Leben eine Zeit gibt, in der die Autorität eine bedeutende Rolle spielt, so ist das die Zeit von der Geburt bis zur Volljährigkeit. Die Familie ist wahrhaft eine wunderbare göttliche Einrichtung, in deren Schoß der Mensch sein Dasein empfängt, ein so eingeschränktes Dasein, daß er eine lange Zeit der Erziehung braucht, die ihm zunächst von den Eltern zuteil wird und dann von denen, die sich, im wesentlichen nach der Wahl der Eltern, an dieser Erziehung beteiligen.
Von seinem Vater und seiner Mutter erhält das Kind alles: seine leibliche, geistige und religiöse Nahrung ebenso wie seine moralische und gesellschaftliche Erziehung. Die Eltern lassen sich dabei von Lehrern helfen, die in der Seele der Kinder an der elterlichen Autorität teilhaben. Mag nun das Wissen im Verlauf der Jugend durch die Vermittlung der Lehrer oder durch die der Eltern erworben worden sein, es ist fast zur Gänze mehr ein erlerntes, empfangenes, überkommenes Wissen, als ein durch Verstand, klares Urteil und vernünftige Überlegung erworbenes. Der junge Student glaubt an seine Eltern, an seine Lehrer, an seine Bücher, und so erweitern sich seine Kenntnisse und vervielfältigen sich. Sein eigentliches Wissen, jenes, das über seine Erkenntnisse Aufschluß geben könnte, ist recht begrenzt. Wenn man an das Gesamtbild der Kindheit und der Jugend denkt, wie es sich in der Menschheit und der Geschichte darstellt, muß man feststellen, daß die Vermittlung der Kenntnisse zu einem beträchtlichen Teil durch die vermittelnde Autorität geschieht, weit mehr jedenfalls als dadurch, daß das erworbene Wissen dem Jugendlichen wirklich klar wäre.
Sicherlich erwirbt die Jugend, wenn es sich um höhere Studien handelt, persönlichere Kenntnisse und gibt sich Mühe, die Lehrfächer, die sie studiert, in der Weise kennenzulernen, wie ihre Lehrer sie ihrerseits kennen. Aber erlaubt die Fülle der verlangten Kenntnisse heutzutage dem Studenten noch, alle Beweise und Versuche selbst durchzuführen? Im übrigen können sich viele Wissenschaften, wie die Geschichte, die Geographie, die Archäologie und die Kunstgeschichte tatsächlich nur auf den Glauben an die Lehrer und die Bücher stützen.
Wenn es sich um religiöse Kenntnisse handelt, um die religiöse Praxis und um die Betätigung einer mit der Religion, mit den Überlieferungen und mit den herrschenden Gewohnheiten übereinstimmenden Moral, gilt dies noch mehr als für andere Wissenschaften! Die Menschen leben im allgemeinen nach der Religion, die sie von ihren Eltern übernommen haben. Für den Übertritt zu einer anderen Religion bedeutet der Bruch mit der angestammten Religion ein enormes Hindernis. Ein menschliches Wesen bleibt immer für die Stimme der von der Mutter übernommenen Religion empfänglich.
Und sagen wir es ohne zu zögern: Wie groß ist doch die Bedeutung dieser von der Familie und dem Kreis der die familiäre Erziehung vervollständigenden Lehrer geprägten Erziehung im menschlichen Leben! Nichts ist in jedem Einzelmenschen beständiger als seine Familientraditionen. Das gilt überall auf dem ganzen Erdball.
Dieser außerordentliche Einfluß der Familie und des Erziehungsmilieus ist von der Vorsehung gewollt. Er ist von Gott gewollt. Es ist normal, daß die Kinder die Religion ihrer Eltern beibehalten, ebenso wie es normal ist, daß die ganze Familie konvertiert, wenn ihr Oberhaupt sich zu einem anderen Glauben bekennt. Das Evangelium und die Apostelgeschichte führen viele Beispiele dafür an.
Gott hat es gewollt, daß Seine Wohltaten den Menschen zunächst durch die Familie zuteil werden. Darum hat Er dem Familienvater diese große Autorität gegeben, die ihm eine ungeheure Macht über die Familie, über seine Frau und seine Kinder verleiht. Je größer die weiterzugebenden Werte sind, um so größer ist auch die Autorität. Das Kind wird in einer so großen Schwachheit geboren und ist so unvollkommen, man könnte sagen, so unvollständig, daß man die unbedingte Notwendigkeit seines ständigen Verbleibens in der Familie und der Unauflöslichkeit der Familie ermessen kann.
Die Persönlichkeit des Kindes und sein persönliches Gewissen auf Kosten der Autorität in der Familie übersteigern zu wollen, heißt die Kinder ins Unglück stürzen, sie zur Auflehnung und zur Mißachtung der Eltern treiben, während doch denen, die ihre Eltern ehren, langes Leben versprochen wurde. Gewiß verlangt der hl. Paulus von den Vätern, „ihre Kinder nicht zum Zorne zu reizen, sondern“, fügt er hinzu, „erzieht sie in der Zucht und Lehre des Herrn.“ (Eph. 6, 4)
Man weicht von dem von Gott eingeschlagenen Weg ab, wenn man behauptet, daß nur die Wahrheit durch ihre eigene Kraft und ihr eigenes Licht den Menschen die wahre Religion zeigen müsse, während Gott doch in Wirklichkeit bestimmt hat, daß die Religion durch die Eltern vermittelt werde und durch Zeugen, die das Vertrauen der auf sie Hörenden verdienen. Wenn man, um zu glauben und sich zu bekehren, warten müßte, bis man Einsicht genug hat, um die religiöse Wahrheit zu erkennen, dann gäbe es bis heute nur recht wenige Christen. Man glaubt an die religiösen Wahrheiten, weil ihre Zeugen durch ihre Heiligkeit, ihre Uneigennützigkeit und ihre Nächstenliebe glaubwürdig sind. Man glaubt an die wahre Religion, weil sie die innersten Wünsche einer aufrechten Menschenseele zufrieden stellt, insbesondere dadurch, daß sie ihr eine himmlische Mutter, Maria, einen sichtbaren Vater, den Papst, und eine himmlische Nahrung, die Eucharistie, gibt. Unser Herr hat die, welche Er bekehrt hat, nicht gefragt, ob sie verstünden, sondern ob sie glaubten. Dann vermittelt, wie der hl. Athanasius sagt, der lebendige Glaube das Verständnis.
Im Fall der Gemeinschaft der Familie, des ersten Abschnittes jedes menschlichen Lebens, ist es offenkundig, daß die Segnungen der Autorität unermeßlich sind, unentbehrlich und der sicherste Weg zu einer abgeschlossenen Erziehung, die auf das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft und in der Kirche vorbereitet. Schon hier ist die Kirche in beachtlichem Ausmaß beteiligt an der Hilfe, die der Familie gebracht wird, und an den für das christliche und gesellschaftliche Leben der Gläubigen unentbehrlichen Mitteln.
Wenn aber der Augenblick kommt, in dem die bürgerliche Gesellschaft und die Kirche gemeinsam die Familie ablösen müssen, zeigt es sich, daß selbst der sorgfältig erzogene Mensch nicht imstande ist, ohne die Hilfe dieser beiden Gemeinschaften zu leben und einer Berufung auf Erden zu folgen.

Der Segen der Autorität in der bürgerlichen Gesellschaft
Kann man wirklich behaupten, daß der volljährig gewordene Mensch keiner Hilfe mehr bedarf, um in seinen Kenntnissen weiter Fortschritte zu machen, um in der Tugend standhaft zu bleiben und um seine Rolle in der Gesellschaft zu erfüllen? Wenn die Gemeinschaft der Familie ihre wesentliche Aufgabe beendet hat, so ist es klar, daß die bürgerliche Gesellschaft und die Kirche die normalen Einrichtungen bleiben, die ihm alles Erforderliche zur Verfügung stellen; die Kirche die geistigen Mittel, die bürgerliche Gesellschaft das soziale Milieu, das ein tugendhaftes und auf das letzte Ziel hin ausgerichtetes Leben begünstigt, auf welches hier auf Erden alles von der göttlichen Vorsehung hingeordnet ist.
Hier ist es angebracht, mit der überlieferten Lehre der Kirche und mit allen Päpsten des letzten Jahrhunderts zu wiederholen: Der Staat, die bürgerliche Gesellschaft, hat bei seinen Bürgern eine wichtige Rolle zu erfüllen, um sie im Glauben und in der Tugend zu unterstützen und zu ermuntern. Es handelt sich hier keineswegs um einen Zwang, seinen Glauben zu bekennen, noch um einen Gewissenszwang für den Menschen hinsichtlich seiner inneren und privaten Handlungen. Es handelt sich um die natürliche, von Gott gewollte Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft, den Menschen zu helfen, ihr letztes Ziel zu erreichen.
„Man kann nicht daran zweifeln“, sagt Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika „Libertas“, „daß die Vereinigung der Menschen zur Gesellschaft das Werk des göttlichen Willens ist, sei es im Hinblick auf ihre Mitglieder, ihre Form, welche die Autorität ist, ihren Grund oder die große Zahl und Bedeutung der Vorteile, die sie dem Menschen bietet…“ Pius XI. betont seinerseits in „Divini Redemptoris“: „Gott bestimmte den Menschen dazu, in Gesellschaft zu leben, wie die Natur es verlangt. Im Plane des Schöpfers ist die Gesellschaft das natürliche Mittel, dessen der Mensch sich bedienen kann und muß, um sein Ziel zu erreichen.“
Und an einer anderen Stelle, in der Enzyklika „Ad Salutem“: „Da die Fürsten und die Regierenden ihre Gewalt von Gott erhalten haben, damit jeder diese innerhalb der Grenzen seiner eigenen Autorität ausübe, bemühen sie sich, die Pläne der göttlichen Vorsehung zu verwirklichen, deren Mitarbeiter sie sind … Sie dürfen nicht nur nichts tun, was zum Schaden der Gesetze der Gerechtigkeit und der christlichen Nächstenliebe werden könnte, vielmehr sind sie verpflichtet, ihren Untergebenen die Erkenntnis und den Erwerb der unvergänglichen Güter zu erleichtern.“
Auch Pius XII. sagte (am 11. Juni 1941): „Davon, ob die Form, welche der Gesellschaft gegeben wird, den göttlichen Gesetzen entspricht oder nicht, hängt das Heil oder Verderben der Seelen ab, das heißt, ob die Menschen, die alle dazu berufen sind, durch die Gnade Christi belebt zu werden, in den irdischen Fügungen ihres Lebenslaufes die gesunde und belebende Luft der Wahrheit und der sittlichen Tugenden atmen, oder im Gegenteil den Krankheit und oft Tod bringenden Bazillus des Irrtums und der Verdorbenheit.“
Professor Jolivet (Abhandlung über die Philosophie, Bd. IV, Nr. 435) beschließt seine Studie über den Ursprung der Gewalt in der bürgerlichen Gesellschaft sehr klar: „Von welchem Gesichtspunkt aus immer man die wirkende Ursache der gesellschaftlichen Wirklichkeit betrachten mag, aus der Lehre vom natürlichen Ursprung der Gesellschaft ergibt sich als wesentliches Prinzip stets, daß die bürgerliche Gesellschaft, die im Hinblick auf das zeitliche Gemeinwohl die sonst auf sich allein gestellten Gruppen von Familien und Einzelpersonen auf dauerhafte Weise vereinigt, eine von Gott, dem Schöpfer der Natur, gewollte Einrichtung ist, oder mit anderen Worten, daß sie göttlichen Naturrechts ist. Daraus folgt unmittelbar, daß die Gewalt zu regieren ebenfalls göttlichen Naturrechts ist.“
Der Autor vervollständigt diese Studie, indem er den Zweck der bürgerlichen Gesellschaft oder des Staates darlegt: „Man würde die allgemeine Aufgabe des Staates bedeutend einschränken, wenn man vom zeitlichen Glück eine rein materialistische Auffassung hätte. Das zeitliche Glück hängt zu einem großen Teil von den geistigen und moralischen Tugenden der Staatsbürger ab, von der öffentlichen Moral, das heißt von der glücklichen Entfaltung aller moralischen und geistigen Tätigkeiten des Menschen, und in erster Linie vom religiösen Leben der Nation. Daher gehört es zu den Pflichten des Staates, ohne selbstverständlich etwas von seiner wirtschaftlichen Aufgabe zu vernachlässigen, darum bemüht zu sein, die besten Bedingungen für eine günstige moralische und geistige Entwicklung der Nation zu schaffen.“ „Diese Aufgabe hat einen negativen und einen positiven Aspekt…“
Auf dieses enge Band zwischen der Religion und der zeitlichen Aufgabe des Staates müssen wir nachdrücklich hinweisen. Denn hier liegt wirklich der Schlüssel zu zahlreichen Problemen, die heute die Regierungen und die Kirche selbst beschäftigen: Probleme der sozialen Gerechtigkeit, Probleme des Hungers, Probleme des Friedens, Probleme der Geburtenregelung usw.
Es ist aussichtslos, diese Probleme außerhalb einer katholischen Staatsauffassung zu behandeln: Man wird versuchen, gewissen Übelständen für den Augenblick abzuhelfen, man wird einige örtliche Probleme lösen, aber man wird die Wunden der Menschheit nicht an der Wurzel angreifen. Man muß immer wieder und wieder sagen, was die Kirche stets verkündet hat: Die Lösung der gesellschaftlichen Probleme liegt in der Herrschaft Unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft, so wie es die katholische Kirche kennt und lehrt.
Wenn man die heutigen Wunden der verschiedenen Gesellschaftskreise aufzählt, wird man sofort sehen, daß ihre Quellen aus der Unordnung und dem Irrtum der Regierenden und oft auch zahlreicher Mitglieder der Gesellschaft kommen. Eine soziale Gerechtigkeit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ohne die Grundsätze der christlichen Gerechtigkeit herstellen zu wollen, heißt, entweder auf den totalitären Kapitalismus, auf die Weltherrschaft der Hochfinanz und der Technokratie, oder auf den totalitären Kommunismus hinsteuern. Das materielle Wohlergehen zum einzigen Ziel der bürgerlichen Gesellschaft und der Tätigkeit für die Gesellschaft zu machen, führt rapide zum Zerfall als Folge der Sittenlosigkeit und der Genußsucht.
Nur die katholische Lehre schützt wirklich die Ehe und alles, was mit ihr zusammenhängt, diese Einrichtung, die schlechthin die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft ist und diese darum im höchsten Maß betrifft: Scheidung, Geburtenbeschränkung, Empfängnisverhütung, Homosexualität, Abtreibung und Polygamie sind für den Staat tödliche Wunden. Nur die Kirche hat dafür die wahren Heilmittel.
Die sozialen Beziehungen zwischen Amtspersonen und jenen, die sich an diese wenden, zwischen Staat und Staatsbürger, die wahre Vaterlandsliebe und die internationalen Beziehungen sind zutiefst mit der Religion verknüpft und nur die katholische Religion schafft dafür die Grundlagen der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Gewissenhaftigkeit im Beruf und der Menschenwürde, die im Einklang mit einem Gesellschaftsleben stehen, wie Gott es gewollt hat und immer noch will.
Die Erziehung und die sozialen Kommunikationsmittel, die heute die Erziehung vervollständigen und weiterführen, stehen in sehr enger Beziehung zu den guten Sitten, zur Tugend und zum Laster und folglich zur Religion, besonders zur katholischen Religion.
Man beweist eine große Unwissenheit oder täuscht Unwissenheit vor, wenn man die Augen davor schließen will, daß alle Religionen außer der wahren katholischen Religion eine Kette gesellschaftlicher Fehlhaltungen nach sich ziehen, die eine Schande für die Menschheit sind: man denke, was die Familie betrifft, an die Scheidung, an die Polygamie, an die Empfängnisverhütung, an die freie Liebe; man denke hinsichtlich des Bestandes der Gesellschaft überhaupt an die beiden Tendenzen, die sie zugrunde richten: eine revolutionäre, autoritätszerstörende, demagogische Tendenz, die eine Brutstätte ständiger Unruhen und die Frucht der Gewissensfreiheit ist, und eine totalitäre tyrannische Tendenz infolge der Einheit zwischen der Religion und dem Staat oder zwischen einer Ideologie und dem Staat. Die Geschichte der letzten Jahrhunderte bietet ein eindrucksvolles Bild dieser Tatsachen.
Es ist also unbegreiflich, daß katholische Regierungen sich nicht mehr um die Religion kümmern oder daß sie grundsätzlich im öffentlichen Bereich die Religionsfreiheit zulassen. Das hieße, den Zweck der Gesellschaft und die enorme Bedeutung der Religion im gesellschaftlichen Bereich sowie den grundlegenden Unterschied zwischen der wahren Religion und den anderen Religionen im Bereich des Moralischen verkennen, das ein wesentliches Element zur Erreichung des zeitlichen Zieles des Staates ist.
Das ist die seit jeher in der Kirche verkündete Lehre. Sie überträgt der Gesellschaft eine fundamentale Rolle bei der Übung der Tugend durch die Staatsbürger, also indirekt bei der Erlangung ihres ewigen Heils. Nun ist aber der Glaube die grundlegende Tugend und daher die Vorbedingung. Es gehört also zu den Pflichten der katholischen Regierenden, den Glauben zu schützen und zu erhalten und ihn besonders im Bereich der Erziehung zu fördern.
Man kann nicht genug die der Autorität des Staates von der Vorsehung zugeteilte Rolle hinsichtlich der Unterstützung und Bestärkung der Bürger bei der Erlangung ihres ewigen Heils hervorheben. Jedes Geschöpf ist und bleibt hienieden auf dieses Ziel ausgerichtet. Die Gesellschaften, als da sind: Familie, Staat und Kirche, sind, jede für ihren Bereich, von Gott in dieser Absicht geschaffen worden. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Erfahrung aus der Geschichte der katholischen Nationen, der Geschichte der Kirche und der Geschichte der Bekehrung zum katholischen Glauben die von der Vorsehung gewollte Rolle des Staates in der Tat so deutlich vor Augen führt, daß man mit Recht sagen muß, dieser habe einen bedeutenden, wenn nicht sogar überwiegenden Anteil an der Erreichung des ewigen Heiles der Menschheit. Der Mensch ist schwach, der Christ ist wankelmütig. Wenn der ganze Apparat und die gesellschaftliche Ausrichtung des Staates weltlich, gottlos, religionslos sind oder die Kirche aus diesen Gründen noch verfolgt wird, wer könnte da zu behaupten wagen, es sei für die Nichtkatholiken leicht, sich zu bekehren, oder für die Katholiken leicht, gläubig zu bleiben. Mit den modernen sozialen Kommunikationsmitteln, mit den sich vervielfältigenden sozialen Beziehungen, hat der Staat mehr als je zuvor einen immer stärker werdenden Einfluß auf das Verhalten der Staatsbürger und auf ihr inneres und äußeres Leben, damit aber auch auf ihre sittliche Haltung und letzten Endes auf ihre ewige Bestimmung.
Es wäre verbrecherisch, die katholischen Staaten zu ermuntern, sich dem Einfluß der Religion zu entziehen, nicht mehr an der Religion interessiert zu sein und gleichgültig zuzusehen, wie Irrlehren und Sittenlosigkeit sich ausbreiten. Es wäre verbrecherisch, unter dem falschen Vorwand der Menschenwürde einen Gärstoff einzuführen, der durch eine übertriebene Religionsfreiheit und die übertriebene Betonung des persönlichen Gewissens auf Kosten des Gemeinwohls die Gesellschaft zersetzt, wie zum Beispiel in der Frage der Rechtmäßigkeit der Gehorsamsverweigerung aus Gewissensgründen.
Papst Pius XII. sagte in „Summi Pontificatus“: „Die weltliche Staatsgewalt ist vom Schöpfer gewollt… damit sie es dem Menschen leichter mache, im zeitlichen Bereich die körperliche, geistige und moralische Vollkommenheit zu erlangen, und ihm helfe, sein übernatürliches Ziel zu erreichen.“
So kann man, mag es sich um die Autorität in der Familie, die Autorität des Staates oder die der Kirche handeln, den Plan der Vorsehung, des göttlichen Vaters, nur bewundern, der uns durch die Vermittlung dieser Autoritäten das Dasein, das übernatürliche Leben, die Übung der Tugend und letztlich die Vollkommenheit oder die ewige Seligkeit schenkt.
Die Autorität ist letzten Endes ein Teilhaben an der göttlichen Liebe, die sich aus sich selbst verbreitet und verströmt. Die Autorität hat keine andere Daseinsberechtigung als diese göttliche Liebe, welche Leben und Heil ist, zu verbreiten. Aber, ebenso wie die Liebe Gottes, ist sie, aus ihrer Natur heraus, anspruchsvoll. In der Tat kann die göttliche Liebe nur das Gute und das höchste Gut, das Gott selbst ist, wollen. Indem Gott uns das Leben gibt, das ein Teilhaben an Seiner Liebe ist, lenkt Er uns ohne jede Abweichung und richtet unser Leben auf das Gute hin, das Er uns durch unsere Natur erkennen läßt, vor allem aber durch Seine Sprecher und Seine Vermittler hinsichtlich der positiven Gesetze.
Gott verpflichtet, Er bindet uns durch Seine Liebe an das Gute und an die Tugend. Er zeigt uns die Richtung Seiner Liebe durch Seine Gesetze. Er befiehlt uns, sie einzuhalten, und Er droht uns, wenn wir Seine Liebe, die unser höchstes Gut ist, zurückweisen.
So verhält es sich auch mit den Autoritäten. Jede rechtmäßige Gesetzgebung ist Träger der göttlichen Liebe, jede Anwendung der Gesetzgebung nichts anderes als der Ausdruck der göttlichen Liebe in Taten und Handlungen und damit ein Erwerben von Tugend. Diese Gesetze richten sich an unseren Verstand und an unseren Willen, die sich leider weigern können, Träger der Liebe Gottes zu sein. Die Vergeltung wird diejenigen treffen, die so der Liebe, dem Leben, dem Guten und letztlich Gott ein Hindernis in den Weg stellen. Denn man kann sich eine Autorität nicht ohne die Gewalten der Gesetzgebung, der Regierung und der Rechtsprechung vorstellen. Diese drei Erscheinungsformen der Autorität lassen sich zusammenfassen und finden ihre Synthese in der göttlichen Liebe, die ihre Offenbarung, ihre Ausübung und ihre Sanktionen in sich selbst trägt.
Könnten wir doch als Abschluß dieses recht unvollständigen Überblickes über die Größe der Autorität in Gottes Plänen die Gefühle des hl. Paulus teilen und mit ihm sagen (Eph. 3, 14 – 15): „Deswegen beuge ich meine Knie vor dem Vater (Unseres Herrn Jesus Christus), von dem alle Geschlechter im Himmel und auf Erden ihren Namen haben.“

Am 4. Oktober 1968
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