Priesterweihe (Zaitzkofen, 1987) PDF Drucken E-Mail

Predigt von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre
am 4. Juli 1987 in Zaitzkofen
(Priesterweihe)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Meine geliebten Freunde!
Meine geliebten Brüder!

Erlauben Sie mir, daß ich während dieser großartigen Weihezeremonie, übrigens eine der größten, die jemals in Zaitzkofen stattgefunden hat, die Gelegenheit wahrnehme, einige Fragen an Sie zu richten. Warum sind Sie hierher gekommen? Warum sind Sie heute in Zaitzkofen? Liebe Seminaristen, in wenigen Augenblicken werden Sie die Priesterweihe empfangen. Warum bitten Sie gerade mich, Ihnen die Hände aufzulegen? Warum bitten Sie mich, die Worte der Priesterweihe zu sprechen? Warum findet diese Zeremonie an diesem Ort und unter diesen Umständen statt?
Wir müssen uns dessen bewußt sein. Das was wir tun, erhalten wir von der Gnade, die der liebe Gott uns gegeben hat, um katholisch zu bleiben. Ich bitte Sie, werden Sie sich in aller Ehrlichkeit und in vollem Bewußtsein über die Motive klar. Werden Sie sich darüber klar, meine lieben Freunde, was Sie dazu veranlaßt hat, in dieses Seminar zu kommen, und sich sechs Jahre lang Ihren Studien zu widmen. Werden Sie sich dieser Gnade ganz bewußt, die Sie vom lieben Gott empfangen haben. Es ist eine ganz besondere und außerordentliche Gnade. Dazu möchte ich Ihnen ein Bild vor Augen führen. Ein kleines Beispiel, das in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Dieses Beispiel kann auf die Ereignisse bezogen werden, die wir im letzten Jahr erlebt haben.
Meine lieben Brüder, sie wissen sehr gut, daß wir mit dem Segen der zuständigen Bischöfe und der Behörde in Rom „geboren“ wurden. Wir hatten gehofft, daß uns das moderne Rom, auch wenn wir an der katholischen Tradition festhalten, eines Tages auf Dauer anerkennen wird, nicht nur für einige Jahre, damit wir unser katholisches Apostolat und besonders unsere katholischen Seminare fortführen können.
Nun müssen wir jedoch feststellen, seit fast fünfundzwanzig Jahren, seit dem Konzil, entfernt sich das moderne Rom immer mehr von der katholischen Kirche. Wir hingegen sind der Tradition der Kirche treu geblieben. Dennoch sind wir nach diesen fünfundzwanzig Jahren gezwungen, Probleme zu sehen und öffentlich Fragen zu stellen, um dieses Verhalten des modernen Rom nicht unbegrenzt vor uns haben zu müssen. In den Kapiteln 5 und 7 der Apokalypse zeigt uns der hl. Johannes den Himmel. Er beschreibt die wundervolle Anbetung des Lammes auf Seinem Thron. Dieses Lamm auf dem Thron kann niemand anderes sein, als Jesus Christus, der gekreuzigte König auf Seinem Thron von Kalvaria, auf dem Thron Seines Kreuzes. Er beschreibt Ihn uns glorreich, großartig, leuchtend, umgeben von Engeln und den Ältesten. Es wird von einer unzählbaren Menge von Engeln berichtet. Er spricht von „millia millium“, von tausendmal tausend“ (Apk 5, 11). Außerdem spricht er von den Auserwählten, die den Thron des Lammes umgeben. Er spricht von einer unzählbaren Menge, unmöglich, sie zu zählen. Alle werfen sich auf ihr Angesicht zu Boden und singen: „Unserem Gott, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamme die Lobpreisung und die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht in alle Ewigkeit“ (Apk 7, 10, 12).
Meine lieben Brüder, das ist der Himmel. Das ist die erhabene Realität, die wir, so hoffen wir, eines Tages sehen werden. Diese Realität beherrscht alle Zeiten und alle Jahrhunderte. Wir können daran nichts ändern, sie ist ewig. Der liebe Gott hat von uns verlangt, daß „Sein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden“. Wir müssen daher das, was im Himmel geschieht, auch auf Erden tun. Mit diesem überaus großartigen Bild des Himmels, der das gekreuzigte Lamm als König anbetet, meine lieben Brüder, vergleiche ist das Bild von Assisi. Assisi ist nichts anderes als das Pantheon aller Religionen. Es ist die Verherrlichung des menschlichen Gewissens. Jeder Mensch hat das Recht, nach seinem freien Gewissen seine Religion zu wählen. Man muß die Freiheit des Menschen respektieren. Unser Herr Jesus Christus ist eine Wahlmöglichkeit, so wie die anderen Religionen eine freie Wahlmöglichkeit sind. Die Menschen, die Unseren Herrn ehren wollen, können Unseren Herrn ehren. Es ist allerdings keine Pflicht mehr, die endgültig und für alle Menschen besteht. Sagen Sie mir, zu welcher Familie gehören wir? Gehören wir zu der Familie, die in der Apokalypse die Herrlichkeit Unseres Herrn Jesus Christus besingt, dem König und Herrn über alle Völker, über alle Jahrhunderte und über alle Zeiten? Oder gehören wir zur Familie der Versammlung, zum Pantheon der Religionen, in welchem jeder von uns seine eigene Religion hat und die Nachbarreligion gleich der eigenen respektiert wird? Es gilt zu wählen. Entweder wir glauben an Unseren Herrn Jesus Christus den Gekreuzigten als den Herrn aller Zeiten. Oder wir nehmen diese liberale Religion an, die den Menschen nicht mehr die Herrschaft Unseres Herrn Jesus Christus auferlegt. Für uns ist Jesus Christus der König. Er muß herrschen. „Oportet autem illum regnare – Er muß aber herrschen” (1 Kor 15, 25), sagt der hl. Paulus.
Wir haben die Wahl getroffen. Wir bleiben auf dem Weg, den die Kirche uns fast zweitausend Jahre lang vorgezeichnet hat. Wir bleiben auf dem Weg Unseres Herrn Jesus Christus, des glorreichen gekreuzigten Königs. Wir haben die Wahl, Sein Opfer zu bewahren, wie es die Auserwählten im Himmel tun. Die Auserwählten besingen die Ehre Gottes des Gekreuzigten, wie die Engel. Wir haben dasselbe gewählt, wie die Kirche auf Erden. Sie ist nur ein Teil der gesamten Kirche, die sich mit der triumphierenden Kirche durch dasselbe Opfer vereint. Unser Opfer auf dem Altar, das heilige Meßopfer, ist das Opfer des Himmels! Im Himmel gibt es zwar nicht mehr den Aspekt der Sühne, aber es gibt das Lobopfer und das Dankopfer. Es ist dasselbe Opfer, dasselbe Opferlamm und derselbe Gott, den wir darbringen, ehren und die ganze Ewigkeit ehren werden.
Wir haben den Glauben der Tradition, der wahren Kirche und des Himmels gewählt. Darum werden wir verfolgt. Man hindert uns, die heilige Messe zu feiern und das Opfer fortzusetzen, das das Opfer des Himmels ist. Man will uns zwingen, aus der heiligen Messe eine einfache Volksversammlung zu machen, demokratisch und ökumenisch. Das ist der Grund, warum man uns unsere Kirchen verweigert.
Die jungen Priester, die jetzt geweiht werden, werden ihre heilige Messe nicht in ihren Pfarrkirchen, in der Kirche ihres Heimatdorfes feiern können. Diese Kirchen wurden einmal für die heilige Messe gebaut. Man wird Ihnen den Zugang verweigern. Sie bewahren die Tradition. Daher haben Sie nicht mehr das Recht, in den Kirchen dieser Tradition zu sein.
Angesichts dieser Verfolgung müssen wir uns Problemen stellen. Wir dürfen keine Angst vor außergewöhnlichen Lösungen haben. Nie hat in der Kirche eine derartige Situation bestanden, welche wir heute erleben. Liebe Gläubige, liebe Seminaristen, liebe Brüder, es hat sich noch nie der Fall ereignet, daß die Autoritäten auf dem Stuhl Petri und auf den Stühlen, die in den Diözesen befehlen, Werkzeug des Irrtums waren. Sie sind Werkzeuge der Selbstzerstörung der Kirche. Papst Paul VI. hat selbst gesagt, daß der Rauch Satans in die Kirche eingedrungen ist. Er hat es selbst festgestellt. Sollen wir mit diesen Personen zusammenarbeiten, die die Kirche zerstören? Das alles bürdet den Personen eine schwere Verantwortung auf, welche die Tradition gewählt haben, um die Kirche fortzusetzen. Die Kirche muß fortbestehen. Die Ehre Gottes und die Ehre Christi müssen unangetastet bleiben. Wir stellen Ihn nicht auf dieselbe Stufe mit Buddha, Mohammed oder allen anderen falschen Religionen und den falschen Göttern der Heiden. Das wollen wir nicht! Es würde gegen unseren Glauben und gegen die Heiligkeit der Kirche verstoßen. Sie haben von der Möglichkeit gehört, Bischofsweihen durchzuführen. Das ist der Grund dafür. Wenn der liebe Gott dies verlangt, damit die katholische Kirche fortbesteht, dann werden wir entsprechend handeln. Der liebe Gott kann nicht wollen, daß Seine Kirche aufhört zu bestehen. Er kann nicht wollen, daß die, die uns verfolgen, es dazu bringen, daß die ganze Kirche vom Erdboden verschwindet. Betrachten Sie das Ergebnis dieser liberalen Religion in Südamerika. Allen Sekten und Religionen wurden Tür und Tor geöffnet. Unter dem Vorwand der Religionsfreiheit hat man in Südamerika alle katholischen Staaten abgeschafft. Sechzig Millionen südamerikanische Katholiken sind zu Sekten übergetreten. Sie haben die katholische Kirche verlassen. Aufgrund dieser liberalen Religion sind sie vom katholischen Glauben abgefallen. Sechzig Millionen Katholiken, seit 1968, also seit dem Konzil! Wohin steuert die Kirche? Was wird von der Kirche in zwanzig Jahren übrig bleiben, wenn das so weitergeht?
Wir müssen der Kirche die Mittel geben, damit sie fortbestehen kann. Wir müssen in der Wahrheit ausharren, um die Seelen darauf vorzubereiten, sich zum Himmel zu wenden, um das wahre Lobopfer auf der Erde und im Himmel fortzuführen.
Meine lieben Freunde, durch die allerseligste Jungfrau Maria empfangen Sie alle Gnaden des Priestertums. In wenigen Augenblicken wird Ihnen die allerseligste Jungfrau Maria Jesus, den Gekreuzigten, in die Arme legen. Sie selbst hatte Ihn nach Seinem Tod in ihren Armen. Jesus ist die Quelle des Lebens. Sein durchbohrtes Herz ist die Quelle aller Gnaden der Kirche. Die allerseligste Jungfrau Maria wird Ihnen das Lamm anvertrauen, das der ganze Himmel anbetet. Sie wird es Ihnen anvertrauen – für wie viele Jahre? Gott allein weiß es. Bewahren Sie Es mit heiliger Sorgfalt! Bewahren Sie das Lamm! Aufgrund der Worte, die Sie sprechen, wird dieses Lamm vom Himmel herabkommen. So wie Sie es von der allerseligsten Jungfrau Maria und von Gott empfangen, werden Sie es an die Gläubigen weitergeben. Bleiben Sie Ihrer heiligen Messe treu. Bleiben Sie Unserem Herrn Jesus Christus treu. Bleiben Sie der Gnade treu, die Sie in wenigen Augenblicken empfangen werden. Bleiben Sie treu, bis ans Ende Ihrer Tage! Wir alle gemeinsam haben den lieben Gott gebeten, Ihnen diese Gnade zu verleihen, damit Sie die Gnade, die Ehre, den Reichtum und den Schatz begreifen, der Ihnen anvertraut wird. Bewahren Sie diesen Schatz mit heiliger Sorgfalt. Ahmen Sie nicht die Personen nach, die in ehebrecherischer Gesinnung Unseren Herrn Jesus Christus verraten. Werden Sie nicht wie die Personen, die Unseren Herrn Jesus Christus mit Betrügern auf die gleiche Stufe stellen, die Werkzeuge des Teufels sind. Diese wollen nur die Seelen verderben. Bleiben Sie Unserem Herrn Jesus Christus treu. Bleiben Sie Seinem Kreuz treu, wie die Apostel, die Heiligen, die Märtyrer, die guten Christen und alle guten Priester. Die Gläubigen erwarten das von Ihnen. Die Gläubigen erwarten, daß Sie Unserem Herrn Jesus Christus treu sind. Bleiben Sie Seinem Reich treu, überall! „Zu uns komme Dein Reich“, es hat keine Grenzen. Unser Herr hat uns dieses Gebet gelehrt: „Zu uns komme Dein Reich! Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden!“ Das soll in Ihrem Herzen geschrieben stehen und die Norm Ihres Apostolats sein.
Möge die allerseligste Jungfrau Maria Sie segnen und Ihnen nahe bleiben, Ihr ganzes Priesterleben lang.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
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