Diakonatsweihe (Ecône, 1984) PDF Drucken E-Mail

Predigt von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre
am 9. Juni 1984 in Ecône
(Diakonatsweihe)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Meine geliebten Freunde!
Meine geliebten Brüder!

Heute sind wir wieder zu einer Weihe versammelt. Nicht wenige unserer jungen Seminaristen sollen zu Diakonen geweiht werden. Zwei Seminaristen von uns gleichgesinnten Franziskanern werden zu Subdiakonen geweiht.
Jedesmal dürfen wir uns wieder an dieser ermutigenden und heiligenden Zeremonie erfreuen. Auch die Kirche und die Auserwählten im Himmel erfreuen sich jedesmal daran. Das Ersteigen der Stufen, die zum Priestertum führen, erfreuen die Engel und die Herzen der Menschen, die Christen, die wahren Katholiken, die den Glauben haben. Es gibt keine Kirche ohne Priestertum. Ohne Priestertum gibt es kein Opfer mehr. Ohne Opfer gibt es keine Kirche mehr.
Meine lieben Freunde, in wenigen Augenblicken werden Sie zu Diakonen geweiht. Ich möchte daher einige Worte an Sie richten, um Ihnen Mut zu machen. Folgen Sie dem Vorbild, das Ihnen die Kirche für das Diakonat gibt. Aus den ersten Jahrhunderten werden uns heilige Märtyrer als Vorbilder der Diakone vor Augen geführt: Der hl. Stephanus und der hl. Laurentius. Beide waren bemerkenswerte Personen, die einen tiefen Glauben und eine große Andacht zum allerheiligsten Altarsakrament hatten. Bemerkenswert war auch die Gnade Gottes, die er ihnen schenkte. Diese Gnade beseelte sie, bis zum Martyrium. Für ihren Glauben haben sie ihr Blut vergossen. Bemerkenswert war auch die Erfüllung der Pflichten ihres Amtes, mit dem sie betraut waren. Sie waren mit den Gütern der Kirche betraut. Der hl. Stephanus durch die Apostel und der hl. Laurentius durch Papst Sixtus II. Sie erfüllten ihre Aufgabe mit Hingabe, Selbstlosigkeit, Freigebigkeit und Großherzigkeit! Die Güter der Kirche haben sie für die Armen verwendet. Sie standen den Menschen bei, die in Not oder bedürftig waren. Sie sind Vorbilder der Reinheit und der Keuschheit. Mit Unserem Herrn waren sie in ihrem Amt und in ihrem inneren Leben vereint. Ich bin der Meinung, daß wir, besonders Sie, über die besonderen Tugenden dieser Vorbilder nachdenken sollten, die die Kirche uns vor Augen führt. Ich werde heute besonders das Beispiel des hl. Laurentius hervorheben. Wir hatten bereits zu einem früheren Zeitpunkt Gelegenheit, über den hl. Stephanus zu sprechen.
Der hl. Laurentius wurde im Jahre 258 durch Kaiser Valerian unter dem Pontifikat Sixtus II. gemartert. Papst Sixtus II. hatte ihn zum Erzdiakon ernannt. Er war also Oberster der Diakone, die die materiellen Güter der Kirche von Rom verwalten.
Zur damaligen Zeit wurden in erster Linie alle Mitglieder des Klerus, vom Papst bis zu den Bischöfen und Priestern, sowie alle, die an den priesterlichen Funktionen teilhatten, heftig verfolgt. Der hl. Laurentius tat sich während dieser heftigen Verfolgungen durch seinen Glauben auf eine ganz besondere Weise hervor. Es war eine überaus heftige Verfolgung. Papst Sixtus II. war bereits gefangen genommen, um gemartert zu werden. Ihm folgte der von ihm sehr geliebte Diakon, den er besonders auserwählt hatte. Er wollte ebenso wie Papst Sixtus II. das Martyrium erleiden. Doch der Papst riet ihm, in seinem Amt zu verharren. Er sollte nicht sogleich das Martyrium auf sich nehmen. Er prophezeite ihm, daß auch er ein Märtyrer sein würde. Er würde das Martyrium ersehnen und unter schrecklichen und sehr schmerzhaften Umständen gemartert werden. Aber er werde siegen und die Krone des Martyriums erhalten.
Der hl. Laurentius suchte die Personen auf, die vor der Verfolgung geflohen waren. Sie verbargen sich in den Wohnstätten der Christen, in den Katakomben. Er brachte ihnen die allerheiligste Eucharistie, um sie in ihrem Schrecken und in ihrer Angst vor dieser Verfolgung zu stärken. Auch gab er ihnen den Mut, dazu bereit zu sein, das Martyrium zu ertragen.
Meine lieben Freunde, auch Sie müssen so sein. Haben Sie den Glauben an die allerheiligste Eucharistie! Von jetzt an haben Sie durch das Diakonat eine Gewalt über den Leib Unseres Herrn Jesus Christus.
Wodurch hatte der hl. Laurentius diesen Eifer, den Gläubigen die allerheiligste Eucharistie zu bringen? Er glaubte an die Kraft der allerheiligsten Eucharistie. Er wußte, daß er den Seelen Unseren Herrn brachte. Haben auch Sie diesen Glauben. Wenn Sie die allerheiligste Eucharistie unter besonderen Umständen selbst auszuteilen haben, glauben Sie fest daran, daß Sie Jesus selbst mit Seinem Leib, Seinem Blut, Seiner Seele und mit Seiner Gottheit den Seelen geben! Können Sie ein größeres und kostbareres Geschenk bringen, als den Gott des Himmels und der Erde? Sie bringen Unseren Herrn, der aus Liebe zu uns für uns gestorben ist. Er wurde für uns gekreuzigt. Zur Erlösung unserer Seele hat Er sein Blut vergossen. Er hat uns den Heiligen Geist gesandt, von dem Jesus erfüllt war. Er sendet Seinen Geist. Durch die allerheiligste Eucharistie teilt Er diesen Geist den Seelen mit. Dieser Geist gibt uns den Mut, wenn es nötig ist, Märtyrer zu sein, um den Glauben an Unseren Herrn Jesus Christus zu bekennen.
Dieser Glaube an die Sakramente schließt auch den Glauben an die Gnade ein, an die heiligmachende Gnade. Die heiligmachende Gnade verleiht uns eine dauernde Gegenwart in Unserem Herrn Jesus Christus, in Seinem Heiligen Geist. Es ist die Gnade, die eine dauernde Ausgießung des Heiligen Geistes in unsere Seele ist. Sie gibt der Seele ein Merkmal: Der Charakter des Getauften. Der Charakter des Gefirmten. Der Charakter des Priestertums. Dieser Charakter wird von einer ganz besonderen Wirkung des Heiligen Geistes verliehen, der die Herzen und die Seelen entflammt und ihnen einen göttlichen Geist verleiht. Dieser göttliche Geist sieht Gott und schaut Gott in der Ewigkeit. Diese Teilhabe am Heiligen Geist läßt Sie auch am Licht Gottes in Ihrer Seele teilhaben. Dieses Licht schließt eine notwendige tiefe Losschälung von den Dingen dieser Welt, von den vergänglichen und irdischen Dingen, mit ein. Damit schließen Sie sich den göttlichen Dingen an.
Die Kirche sagt uns das immer wieder: „Terrena despicere et amare coelestia — das Irdische verachten und das Göttliche lieben”. Diese Worte kehren in unseren Gebeten und in allen Gebeten der Kirche immer wieder. Warum? Sind die Dinge dieser Welt wirklich verachtenswert? Im Hinblick auf Gott sind sie verachtenswert. Sie sind nichts im Hinblick auf Gott. Zu unserem Unglück hängen wir an den irdischen Dingen. Wir schätzen die Dinge der Welt in einer Weise, die nicht angemessen, nicht recht und nicht wahr ist. In einem gewissen Maß haben wir durch den Heiligen Geist die Augen Gottes. Dadurch sehen wir die Dinge wirklich, wir bemühen uns die Dinge so zu sehen, wie der liebe Gott sie sieht. Wir erfassen die Bedeutungslosigkeit dieser materiellen Dinge dieser Welt in bezug auf die geistlichen Dinge, die Dinge Gottes und die ewigen Dinge. Dann erfassen wir die Bedeutungslosigkeit der Dinge, die nichts als zeitlich sind und die folglich dahingehen werden, weil sie keinen Bestand haben. Wie kann man es fassen, daß sich die Seelen an diese Güter hängen, mehr als an die Güter Gottes? Sie sind ungehorsam gegen Gott, weil sie diese Dinge mehr lieben als Gott. Unsere Seele muß diese Anhänglichkeit an Gott und die Losschälung von den irdischen Dingen durch einen Geist des Verzichtens und der Armut erreichen.
Diese Diakone haben das bei ihrer Verwaltung der Reichtümer der Kirche gezeigt. Sie konnten über diese Reichtümer verfügen. Aus diesen Reichtümern hätten sie Gewinn ziehen, vielleicht sogar manche Güter der Kirche zum eigenen Vorteil abzweigen können! Besteht nicht auch eine Gefahr für uns? Auch wir haben über Güter der Kirche zu verfügen. Diese Güter gehören uns nicht. Wir haben sie nur zu verwalten. Könnten wir uns nicht einmal verführen lassen, davon ein wenig für uns selbst zu nehmen?
Über diese Dinge müssen wir gut nachdenken. Die Losschälung von den Gütern dieser Welt müssen wir zum Prinzip unseres Handelns machen, damit wir niemals Güter, die uns nicht gehören zu unserem eigenen Nutzen verwenden. Ich möchte damit ausdrücken, daß dies überhaupt die Lage des Christen ist. Die Christen wissen, daß alles, was sie haben und ihnen gehört, zuerst Gottes ist, also Gott gehört. Folglich sind sie von allen Gütern, die ihnen gegeben wurden und deren Eigentümer sie scheinbar sind, doch nicht die Eigentümer. Wir sind niemals Eigentümer, weil wir Geschöpfe von dieser Welt sind. Wir werden nicht auf der Erde bleiben. Eines Tages gilt es, das Eigentum zu lassen. Man wird nicht für immer Eigentümer der irdischen Güter sein. Eines Tages werden wir sterben. Dann gilt es, jegliche Dinge zurückzulassen, alles, auch von dem wir glauben, daß es auf ewig uns gehört. Die zeitlichen Güter gehören uns nicht endgültig! Sie sind Gottes. Sie gehören Gott. Gott wird uns fragen, wie wir die Güter verwaltet haben, die er uns gegeben und anvertraut hat.
Es handelt sich dabei nicht nur darum, wie wir die materiellen Reichtümer verwaltet haben. Es geht dabei auch um uns selbst, um unseren Leib. Unser Leib wurde uns gegeben, um mit ihm Gott zu dienen. Wir haben unseren Leib nicht, um mit ihm uns selbst oder der Nächstenliebe zu dienen. Was haben wir mit diesem Leib gemacht, den uns der liebe Gott gegeben hat? Diese Diakone sind uns wiederum ein Vorbild. Sie haben ihren Leib in Keuschheit und Reinheit bewahrt. Sie haben ihn nicht zur Befriedigung ihrer eigenen Wollust gebraucht. Nein. Sie wollten Gott dienen, ganz, vollständig, bis zum Tod, bis zum Martyrium. Wir müssen darüber nachdenken. Die Versuchungen sind zahllos in dieser verdorbenen und unreinen Welt, die nur die fleischlichen und zeitlichen Güter sucht. Davor müssen wir uns bewahren. Jesus gibt uns dazu Seine Ratschläge: Wachsamkeit! „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet”, so sagt Unser Herr (Mt 26, 41). „Vigilate et orate — wachet und betet!” Wachet, um die Versuchungen abzuhalten, wachet, um die Gelegenheiten zur Sünde zu fliehen. Wenn wir uns in Gelegenheiten zur Sünde hineinziehen lassen, wie sollten wir da nicht zu Fall kommen? Man muß die Gelegenheiten zur Sünde meiden! Betet, tut Buße, seid nüchtern, „sobrii estote et vigilate — seid nüchtern und wachet”, sagt uns das Evangelium (1 Petr 5, 8). Diese Nüchternheit wird uns helfen, durch Bußwerke die Versuchungen von uns fernzuhalten.
Nehmen Sie häufig Ihre Zuflucht zum Bußsakrament. Das Bußsakrament hat die besondere Wirkung, Versuchungen abzuwenden. Es verleiht uns auch eine besondere Gnade, damit wir uns von der Sünde fernhalten. Das Bußsakrament ist keineswegs nur dazu da, uns von einer schweren Sünde zu befreien. Es verleiht uns auch die nötigen Gnaden, die Sünde zu meiden. Deshalb müssen wir das Bußsakrament häufig empfangen. Der liebe Gott hat es uns auch dazu gegeben, uns in der Tugend zu erhalten, besonders in den Tugenden der Reinheit und der Keuschheit.
Wie wichtig ist die Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria! Wie sehr brauchen wir die Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria! Sie ist die Mutter der Reinheit und die Mutter der Gnade. Bitten wir sie, daß sie uns in dieser Tugend erhält. Unser Herr Jesus Christus ist die Jungfräulichkeit, die Vollkommenheit und die Reinheit selbst. Sie werden Ihn in Ihren Händen tragen. Es ist daher unerläßlich, daß Sie rein sind, da Unser Herr die Quelle jeglicher Reinheit und Jungfräulichkeit ist.
Sehen Sie das Beispiel dieser Diakone. In den ersten Jahrhunderten waren sie Vorbilder. Unermeßliche Gnaden haben sich um sich ausgebreitet, Gnaden der Heiligkeit, Gnaden der Heiligung.
Ihre Gebete, die Gebete aller Anwesenden, Ihrer Freunde und Ihrer Mitbrüder werden Ihnen helfen, sich zu künftigen Priestern zu bilden. Bitten wir während dieser Zeremonie darum, daß die Gnaden des lieben Gottes auf Sie herabgefleht werden. Bitten wir darum, daß Ihnen der liebe Gott die Gnaden Ihrer Vorbilder, der Diakone Stephanus und Laurentius, durch die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria verleihen wird.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
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