Interview (Ein Jahr n.d. Bischofskonsekration) (1989) PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 30. Juni 1989 um 01:00 Uhr

Interview von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre
am 30. Juni 1989 in Ecône

Für die Zeitschrift „Fideliter“
Redakteur André Cagnon

Ein Jahr nach den Bischofskonsekrationen
(Interview (Ein Jahr n.d. Bischofskonsekration))


Überblick und Klarstellung hinsichtlich der entscheidenden Ereignisse vor und nach der Konsekration von vier Priestern der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu Auxiliarbischöfen am 30. Juni 1988 in Ecône und ihre Folgen

André Cagnon „Fideliter“:
Exzellenz, über Ihren Entschluß, Bischöfe zu weihen, hatten Sie bereits seit geraumer Zeit gesprochen. Gemeinsam mit Bischof de Castro Mayer hatten Sie sogar dem Papst geschrieben und ihm Ihre Absicht mitgeteilt. Nachdem einige Verhandlungen mit Rom zu dem von Ihnen unterfertigten Protokoll vom 5. Mai 1988 geführt wurden, wäre damit ein Abkommen möglich gewesen. Dieses Protokoll haben Sie allerdings nicht gerne unterschrieben. Bereits einen Tag später veranlaßten Sie die Ausflüchte von Kardinal Ratzinger, hinsichtlich der Wahl eines neuen Bischofs, darauf zu schließen, daß man versucht, Sie zu prellen. Daraufhin haben Sie den unwiderruflichen Entschluß gefaßt, vier Bischöfe zu weihen.
Würden Sie uns in Erinnerung rufen, warum und in welcher Absicht Sie diesen folgenschweren Entschluß gefaßt haben? Sie wußten, daß dieser Entschluß zu einer heftigen Reaktion in Rom führen würde. Wollten Sie durch diese Konsekration die Kontinuität der Verleihung des Priestertums und der Spendung der Sakramente sicherstellen, obwohl Sie damit das Risiko, von Rom exkommuniziert zu werden, in Kauf nehmen mußten?

Erzbischof Lefebvre:
Natürlich hat es eine gewisse Vorbereitung gegeben. So etwas kann nicht von einem Tag auf den anderen entschieden werden. Ich werde immer älter. Daher versuchte ich bereits seit mehreren Jahren, Rom verständlich zu machen, daß ich meine Nachfolge sichern und eines Tages jemand meinen Platz einnehmen müßte. Seminare und Seminaristen können nicht ohne Bischof geführt werden. Auch die Gläubigen benötigen für die Weitergabe des Glaubens und der Sakramente, besonders des Sakramentes der Firmung, einen Bischof. In Rom war man sich darüber durchaus im klaren. Mehrmals habe ich dort darauf hingewiesen. Schließlich habe ich es öffentlich getan. Man kann in Rom nicht behaupten, ich hätte sie überrumpelt, sie hätten keine Ahnung davon gehabt und ich hätte alles heimlich vorbereitet. Das ist nicht war. Bereits seit mehreren Jahren war Rom durch Briefe, durch die Kassetten mit meinen Predigten und schließlich durch das Schreiben, das Bischof de Castro Mayer und ich selbst an den Heiligen Vater gerichtet hatten, informiert.
Ich glaube, das war auch der Grund, was eine gewisse Änderung in der Haltung uns gegenüber verursacht hat. Sie fürchteten diese Bischofsweihen. Allerdings hatten sie es nicht für wahrscheinlich gehalten, daß ich mein Vorhaben ausführen und diese Bischofsweihen vornehmen würde.
Als ich am 29. Juni 1987 öffentlich darüber gesprochen hatte, war Kardinal Ratzinger doch etwas beunruhigt. In Rom befürchtete man, daß ich wirklich soweit gehen könnte, Bischöfe zu weihen. Das war der Zeitpunkt für den Beschluß, uns mehr Entgegenkommen gegenüber der von uns verlangten Kriterien zu zeigen, und zwar hinsichtlich der Messe, der Sakramente und der Aufgaben des Bischofs nach dem Ritus von Johannes XXIII. von 1962. Zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als würden keine Forderungen hinsichtlich der Annahme des Konzils gestellt werden. Es wurde nicht mehr davon gesprochen. Es wurde sogar die Möglichkeit erwähnt, mir einen Bischof als meinen Nachfolger zubilligen zu wollen.
Immerhin war diese Haltung ein entscheidender und radikaler Wandel. Es stellte sich nun also die Frage nach der weiteren Vorgehensweise. Ich ging persönlich nach Rickenbach und suchte den Herrn Generaloberen P. Schmidberger und seine Assistenten auf, um mit ihnen die Fragen zu erörtern: „Wie denken Sie darüber? Soll man die Hand, die uns hingestreckt wird, ergreifen? Soll man sie zurückweisen?“ Weiterhin habe ich gesagt: „Ich persönlich habe keinerlei Vertrauen. Seit vielen Jahren suche ich diese Kreise immer wieder auf. Ich sehe die Art, in der sie vorgehen. Ich habe gar kein Vertrauen mehr. Trotzdem möchte ich nicht, daß später innerhalb der Bruderschaft und in den traditionstreuen Kreisen gesagt werden kann: Sie hätten es vielleicht versuchen können. Es hätte Sie nichts gekostet, mit ihnen zu diskutieren und einen Dialog zu führen.“
Das war auch ihre Ansicht. Sie sagten: „Man sollte das Angebot erwägen und nicht zu leicht nehmen. Auf jeden Fall wäre es der Mühe wert, mit ihnen zu sprechen.“
Daraufhin war ich bereit, mit Kardinal Ratzinger zu sprechen. Ihm gegenüber habe ich nachdrücklich auf einen Visitator bestanden. Ich hatte gehofft, daß es diese Visitation ermöglichen würde, die Segnungen des Festhaltens an der Tradition vor Augen zu führen und gleichzeitig deren Früchte zu zeigen. Ich war der Meinung, daß dies unsere Position in Rom stärken könnte und daß meine Bitten um mehrere Bischöfe und eine römische Kommission zur Verteidigung der Tradition dann mehr in Erwägung gezogen wird.
Sehr bald mußten wir bemerken, daß wir mit Personen verhandeln, die nicht ehrlich sind. Bereits kurz nach der Rückkehr von Kardinal Gagnon und Monsignore Perl nach Rom wurden wir wieder mit Verachtung behandelt. Kardinal Gagnon hatte gegenüber den Zeitungen ungeheuerliche Erklärungen abgegeben. Er erklärte unter anderem, daß uns 80 % der Personen verlassen würden, wenn ich die Bischofskonsekrationen vornehmen würde. Wir wünschten die Anerkennung. Rom wollte die Wiederversöhnung und das Eingeständnis unserer Irrtümer. Die Visitatoren erklärten, sie hätten nur die Außenseite gesehen. Gott alleine könnte in das Innere blicken. Folglich wäre die Visitation nur rein äußerlich vorgenommen worden und hätte daher auch keinen größeren Wert. Diese Aussagen stimmten nicht mit den Worten und Handlungen überein, die während der Visitation gesagt und getan wurden. Unvorstellbar! Gleich nach ihrer Rückkehr in den Vatikan, standen sie wieder unter diesem schlechten Einfluß, den Rom auf sie ausübte. Sie nahmen wieder diese Mentalität an, kehrten sich gegen uns und behandelten uns wieder mit Verachtung.
Trotzdem bin ich zu diesen Verhandlungen nach Rom gefahren, jedoch ohne jegliches Vertrauen. Anfang Januar schrieb ich an P. Aulagnier: „Ich bin überzeugt, daß ich am 30. Juni Bischöfe konsekrieren werde. Dieses Jahr wird das Jahr der Bischofskonsekrationen sein. Ich habe wirklich kein Vertrauen mehr zu Rom.“
Ich wollte tatsächlich so weit wie möglich gehen, um unseren guten Willen zu zeigen. Zum wiederholten Mal hatte man uns jedoch die Frage des Konzils auf den Tisch gelegt, von der wir nichts wissen wollten. Schließlich wurde eine Formulierung gefunden, die zur Not annehmbar war.
Sie willigten uns gegenüber in die Punkte der Messe, der Sakramente und der liturgischen Bücher ein. Hinsichtlich der römischen Kommission und der Konsekration von Bischöfen wollten sie unsere Wünsche jedoch nicht erfüllen. Wir erreichten lediglich zwei der sieben Mitglieder dieser Kommission, jedoch weder den Präsidenten noch den Vizepräsidenten. Mir wurde nur ein Bischof zugestanden, obwohl ich drei verlangt hatte. Das war bereits fast nicht annehmbar. Als wir noch vor der Unterzeichnung fragten: „Wann bekommen wir diesen Bischof?“, fand eine Flucht nach vorne statt. Man wußte es nicht. Vielleicht im November? Vielleicht an Weihnachten? Man wußte es nicht. Es war nicht möglich, einen genauen Zeitpunkt zu erhalten.
Nach der Unterzeichnung des Protokolls, das den Weg zu einem Abkommen hätte eröffnen sollen, begann ich nachzudenken. Das Mißtrauen und das Nichtwollen häuften sich. Ich sah mich dazu gezwungen, die Ernennung von einem der drei Bischöfe, deren Akten ich am 5. Mai eingereicht hatte, für den 30. Juni zu fordern. Entweder ich erhalte diesen Bischof, oder ich werde an diesem Tag meine Bischöfe weihen. Diese Forderung hatte eine Erklärung von Kardinal Ratzinger zur Folge: „Wenn sich die Lage so darstellt, ist das Protokoll nichtig. Es gibt kein Protokoll mehr. Wir brechen die Beziehungen ab.“ Das sind die Worte von Kardinal Ratzinger, nicht meine Worte.
Am 20. Mai schrieb ich dem Heiligen Vater und teilte ihm mit, daß ich das Protokoll unterzeichnet hätte. Ich bestand jedoch absolut darauf, daß mir die Bischöfe zugestanden werden, und zwar für den genannten Termin am 30. Juni.
In der Wirklichkeit gab es kein Mittel und keinen Weg mehr, zu einem Abkommen zu gelangen. Als ich Kardinal Ratzinger an die Wand drängte, sagte er zu mir, daß er mir für den 15. August einen Bischof zugestehen würde. Gleichzeitig verlangte er jedoch von mir weitere Unterlagen, damit der Heilige Stuhl einen Bischof wählen könnte, der das vom Vatikan gewünschte „Profil“ hat. Wohin hätte uns das führen können?
Ich mußte feststellen, daß eine weitere Verständigung nicht möglich war. Am 2. Juni schrieb ich erneut einen Brief an den Papst mit dem Wortlaut: Es ist nutzlos, die Gespräche und Kontakte fortzusetzen. Wir haben nicht das gleiche Ziel. Sie wollen uns eingliedern und wiederversöhnen. Wir wollen so anerkannt werden, wie wir sind. Wir wollen die Tradition fortsetzen, wie wir es bisher immer getan haben.
Das war das Ende. Ich entschloß mich, die Pressekonferenz am 15. Juni abzuhalten. Es war nicht meine Absicht, auf heimliche Weise vorzugehen. Es gibt keine Tradition, die bestehen bleibt, ohne einen traditionstreuen Bischof. Ein solcher Bischof ist absolut unentbehrlich. Gerade aus diesem Grund leben die Bruderschaft St. Petrus und Le Barroux in einer vollkommenen Illusion, denn sie haben keine traditionstreuen Bischöfe.

André Cagnon „Fideliter“:
Es war ein Gerücht im Umlauf, daß die Bruderschaft St. Petrus einen Bischof erhalten könnte.

Erzbischof Lefebvre:
Was für einen Bischof? Einen Bischof, der das vom Vatikan gewünschte Profil hat? In diesem Fall werden sie einen Bischof erhalten, der sie ganz langsam zum Konzil zurückführt. Das ist eindeutig. Sie werden niemals einen völlig traditionstreuen Bischof erhalten, der im Gegensatz zu den Irrtümern des Konzils und zu den nachkonziliaren Reformen steht. Sie haben nicht das gleiche Protokoll unterzeichnet wie wir, gerade weil sie keinen Bischof haben. Das Protokoll, das ich gemeinsam mit Kardinal Ratzinger unterzeichnet habe, legte immerhin fest, daß wir einen Bischof erhalten können. Damit genehmigte Rom in gewisser Weise die Ernennung eines Bischofs. Man hatte zu uns gesagt: „Ihr seid dem Heiligen Vater ungehorsam gewesen!” Ungehorsam waren wir nur zum Teil. Grundsätzlich gesehen, waren wir nicht ungehorsam. Kardinal Ratzinger hatte uns schriftlich die Genehmigung erteilt, einen Bischof aus dem Mitgliederkreis der Bruderschaft zu erhalten. Ich habe vier Bischöfe konsekriert. Das ist richtig. Im Prinzip hatte uns allerdings der Heilige Vater genehmigt, einen oder mehrere Bischöfe zu erhalten.
Bis zum Beweis des Gegenteils haben die Personen, die uns verlassen haben, weder einen Bischof, noch irgendeine Vertretung innerhalb der römischen Kommission erhalten. Damit befinden sich diese Personen, an Händen und Füßen gefesselt, in der Hand der Progressisten. Unter solchen Bedingungen ist es nicht möglich, die Tradition erfolgreich aufrechtzuerhalten. Angeblich wird ihnen alles gewährt, was sie wünschen. Sie sehen nicht, daß sie in einer vollkommenen Illusion leben.
Ich glaube, es war meine Pflicht und eine Notwendigkeit für die Gläubigen und die Seminaristen, traditionstreue Bischöfe zu erhalten.
Ich betone noch einmal: Ich glaube nicht, daß es einer Gemeinschaft möglich ist, dem Glauben und der Tradition treu zu bleiben, wenn die Bischöfe diesen Glauben und diese Treue nicht haben. Das ist nicht möglich. Diese Kirche wird immerhin vor allem von den Bischöfen gebildet. Wenn auch traditionstreue Priester vorhanden sind, so werden diese Priester doch von den Bischöfen beeinflußt. Es sind schließlich die Bischöfe, die die Priester weihen. Sie weisen ihnen daher auch die Richtung, sei es durch die Predigt, durch Exerzitien oder durch die Gesamtheit der Möglichkeiten ihres Einflusses. Mit progressistischen Bischöfen kann die Tradition nicht bewahrt werden.
Für uns gab es keine anderen Mittel und Wege. Ich bin sehr beruhigt, daß wir jetzt auf der sicheren Seite stehen. Wir haben Bischöfe, die die katholische Tradition und den Glauben aufrechterhalten. Die Frage des Glaubens ist keine geringe Frage. Es handelt sich dabei nicht nur um ein paar Lappalien.

André Cagnon „Fideliter“:
Manche behaupten: Der Erzbischof hätte das Abkommen mit Rom annehmen sollen. Wäre die Bruderschaft eines Tages anerkannt und die Suspendierungen aufgehoben worden, hätte er im Inneren der Kirche wirksamer tätig werden können. Jetzt steht er außerhalb der Kirche.

Erzbischof Lefebvre:
Solche Worte können leicht beiläufig gesagt werden. Was soll das bedeuten, sich ins Innere der Kirche stellen? Vor allem, von welcher Kirche wird gesprochen? Sollte es sich um die konziliare Kirche handeln, müßten wir also in diese konziliare Kirche eintreten, obwohl wir zwanzig Jahre lang mit ihr gerungen haben, weil wir die katholische Kirche wollen. Wir müßten sie sozusagen wieder katholisch machen. Das ist eine vollkommene Illusion. Nicht die Untergebenen formen die Oberen, sondern die Oberen die Untergebenen.
In der gesamten heutigen römischen Kurie und inmitten aller Bischöfe dieser Welt, die progressistisch sind, wäre ich vollkommen untergegangen. Ich hätte nichts erreicht. Ich hätte weder die Gläubigen, noch die Seminaristen schützen können. Man hätte zu uns gesagt: „Gut, Sie werden einen Bischof erhalten, um die Priesterweihen vorzunehmen, aber Ihre Seminaristen müssen Professoren akzeptieren, die aus irgendeiner Diözese kommen.“ Das wäre unmöglich. Der Bruderschaft St. Petrus wurden Professoren aus der Diözese Augsburg zugewiesen. Was sind das für Professoren? Was lehren sie?

André Cagnon „Fideliter“:
Fürchten Sie nicht, daß sich auf die Dauer, vielleicht auch, wenn der liebe Gott Sie zu sich gerufen hat, die Spaltung allmählich verschärft und ein wenig der Eindruck von einer Parallelkirche entstehen könnte, zu dem, was manche die „sichtbare Kirche“ nennen?

Erzbischof Lefebvre:
Diese Reden von der sichtbaren Kirche, wie sie Dom Gérard und Jean Madiran führen, sind kindisch. Es ist unfaßbar, daß man bezüglich der konziliaren Kirche, im Gegensatz zur katholischen Kirche, von einer sichtbaren Kirche sprechen kann. Wir versuchen die katholische Kirche zu repräsentieren und fortzusetzen. Ich sage nicht, daß wir die katholische Kirche sind. Das habe ich nie gesagt. Niemand kann mir vorwerfen, ich hätte mich jemals als Papst betrachten wollen. Aber wir repräsentieren die katholische Kirche wirklich so, wie sie früher war. Wir setzen das fort, was die katholische Kirche allezeit vollbracht hat. Gerade dadurch haben wir die Kennzeichen der sichtbaren Kirche – die Einheit, die Katholizität, die Apostolizität, die Heiligkeit. Das macht die sichtbare Kirche aus.
Jean Madiran fügt die Unfehlbarkeit hinzu! Bezüglich dieser Unfehlbarkeit muß man sich die Worte vor Augen halten, die Abbé Dulac hinsichtlich Papst Paul VI. so anschaulich ausdrückte: „Als es in der Geschichte der Kirche mehrere Päpste gab, konnte man unter den Päpsten wählen. Jetzt haben wir zwei Päpste in einem.“ Wir haben keine Möglichkeit zu wählen. Hauptsächlich handelt es sich um die Päpste mit zwei Gesichtern. Solange ein Papst die Tradition der Päpste und der Unfehlbarkeit repräsentiert, stimmen wir ihm zu. Wir sind mit ihm verbunden, insoweit er die Nachfolge Petri aufgrund der Verheißungen über die Unfehlbarkeit, die er erhalten hat, fortsetzt! Wir sind mit seiner Unfehlbarkeit verbunden. Wenn man jedoch unter bestimmten Aspekten, ontologisch gesprochen, sagen kann, daß er sie repräsentiert, widerspricht er ihr ganz ausdrücklich, weil er selbst die Unfehlbarkeit nicht mehr will. Er glaubt nicht daran und setzt daher auch keine Akte, die von der Unfehlbarkeit geprägt sind.
Aus diesem Grund wollte man, daß das Zweite Vatikanische Konzil ein pastorales Konzil und kein dogmatisches Konzil ist. Man wollte nicht mehr an die Unfehlbarkeit glauben. Man wollte auch keine endgültige Wahrheit. Die Wahrheit muß leben und sich entwickeln. Sie kann sich eventuell mit der Zeit, mit der Geschichte, mit der Wissenschaft, oder mit anderen Dingen ändern. Die Unfehlbarkeit jedoch fixiert einen Satz, eine Wahrheit für immer. Sie kann sich nicht mehr ändern. Daran wollen die Modernisten nicht glauben. Wir stehen auf der Seite der Unfehlbarkeit, nicht auf der Seite der konziliaren Kirche. Es ist absolut sicher, daß die konziliare Kirche gegen die Unfehlbarkeit ist.
Kardinal Ratzinger ist gegen die Unfehlbarkeit. Auch der Papst ist infolge seiner philosophischen Ausbildung dagegen. Man muß uns richtig verstehen. Wir sind nicht gegen den Papst, solange er alle unveränderlichen Gewalten des apostolischen Stuhles, des Stuhles Petri, repräsentiert. Wir sind allerdings gegen den Papst, insoweit er ein Modernist ist, der nicht an seine eigene Unfehlbarkeit glaubt und den Ökumenismus einführt. Natürlich sind wir gegen die konziliare Kirche, die praktisch schismatisch ist, selbst wenn sie es nicht wahrhaben will. Dem Wesen nach ist sie praktisch eine exkommunizierte Kirche, weil sie eine modernistische Kirche ist. Dagegen werden wir exkommuniziert, weil wir katholisch bleiben wollen. Wir wollen aber mit dem katholischen Papst und mit der katholischen Kirche verbunden bleiben. Das ist der Unterschied.
Wenn Jean Madiran sagt, der die Lage gut kennt, daß wir nicht die sichtbare Kirche sind und wir die sichtbare Kirche, die die Unfehlbarkeit besitzt, verlassen hätten, dann drücken diese Worte nicht die Wirklichkeit aus.

André Cagnon „Fideliter“:
Kann man gleichzeitig weder für noch gegen die Bischofskonsekrationen sein? Kann man sogar das Recht haben, sich darüber überhaupt keine Meinung zu bilden? Kann man die Priesterausbildung, wie Sie sie mit der Gründung von Ecône ins Werk gesetzt haben, loben, ohne zu dem Schluß zu kommen, daß man, wenn es für das katholische Priestertum ausgebildete Seminaristen gibt, auch katholische Bischöfe braucht, die sie weihen?

Erzbischof Lefebvre:
Man könnte vielleicht Bischöfe erhalten wie Bischof de Milleville, der in Zivil nach Fontgombauld gekommen ist, um dort Priester zu weihen. Hätte er eine Predigt gehalten, so frage ich mich wirklich, was er diesen Seminaristen gesagt und welches Beispiel er ihnen gegeben hätte.
Das ist nicht mehr die katholische Kirche, sondern die konziliare Kirche mit allen ihren verderblichen Folgen. Sie tragen zur Zerstörung der Kirche bei.
Abbé Dulac sagt, Johannes XXIII. hat damit begonnen, zwei Päpste in einem zu sein. Er hat die „Öffnung der Kirche zur Welt“ eingeleitet. Seit diesem Zeitpunkt verlegt man sich auf die Zweideutigkeit und das Doppelspiel. Diese Handlungsweise ist ein Wesenszug des Liberalen.
Ich glaube, daß man hinsichtlich der Bischofsweihen keinerlei Bedenken oder Skrupel haben muß. Wir sind weder schismatisch noch exkommuniziert. Wir sind nicht gegen den Papst und auch nicht gegen die katholische Kirche. Es steht uns fern, eine Parallelkirche zu betreiben. Das alles ist absurd. Wir sind das, was wir immer waren: Katholiken! Wir werden weiterhin Katholiken bleiben. Das ist alles. Man soll nicht Schwierigkeiten sehen, wo keine sind. Wir bilden keine „kleine Kirche“, wie es Paupert in seinem Buch beschreibt. Am Ende seines Werkes kann einem das, was er schreibt, das Fürchten lehren: „Ich weiß nicht mehr, was ich bin!“
Paupert war Seminarist, wenn nicht sogar Priester. Er hat den Glauben verloren und dann mehr oder weniger wiedergefunden. Seinem Geist entsprechend ist er eher traditionstreu. Allerdings hat er Angst davor, die konziliare Kirche zu verlassen. Er weiß nicht mehr, ob er katholisch ist, oder nicht, ob er praktizierend ist, oder nicht. „Wenn ich heute in einer Kirche bin, habe ich den Eindruck, nicht bei mir zu Hause zu sein. Darum kommuniziere ich nicht.“
Er ist ein intelligenter Mensch, der sich in einer Art Sackgasse befindet, aus der er allerdings keinen Ausweg weiß. Es ist erschreckend. Genau das ist das Problem aller Katholiken, die absolut nicht den Schritt in Richtung Tradition machen wollen. Sie möchten die Personen nicht verlassen, die auf dem Bischofsstuhl sitzen. Diese Bischöfe haben jedoch nichts mehr mit dem katholischen Glauben gemeinsam, den sie in ihren jungen Jahren praktizierten. Ihnen fehlt der Wille, zu diesem Glauben zurückzukehren. Das ist eine wirklich schreckliche Situation, wenn man bedenkt, daß sich Millionen von Katholiken in dieser Lage befinden. Viele von ihnen gehen deshalb am Sonntag nicht mehr in die Kirche. Andere treten in Sekten ein, oder praktizieren überhaupt nicht mehr und verlieren den Glauben.

André Cagnon „Fideliter“:
Pater de Magerie rät Ihnen in seinem Buch, „Ecône, comment dénouer la tragédie?” – Wie läßt sich die Tragödie von Ecóne lösen?“, sich mit Rom zu versöhnen. Gemäß seinem Rat sollen Sie praktisch das akzeptieren, was Sie immer verworfen haben. Wie denken Sie darüber?

Erzbischof Lefebvre:
Ich kenne Pater de Margerie nicht persönlich. Allerdings ist er voll von Widersprüchen. Er verteidigt die Religionsfreiheit und behauptet, daß sie mit der Tradition im Einklang steht und dabei kein Bruch vorliegt. Man sieht ganz deutlich, wie sehr er in Verlegenheit kommt. Es ist eine unhaltbare Position. Bei den Verfechtern der konziliaren Kirche handelt es sich um sehr markante Persönlichkeiten, zum Beispiel der Rektor der Lateran-Universität, Kardinal Ugo Poletti, oder Kardinal Pietro Pavan, der in Rom ein wichtiger Mann ist. Er ist praktisch der Verfasser aller Sozialenzykliken der Päpste. Diese Persönlichkeiten haben im Mai letzten Jahres auf dem Kongreß in Venedig zum Thema Religionsfreiheit ganz offen erklärt: „Ja, es wurde etwas geändert.“ Andere hingegen, zum Bespiel Kardinal Ratzinger und die Theologen, die viele Bücher über diese Frage geschrieben haben, bemühen sich zu beweisen, daß das die Fortsetzung der Tradition ist.
Die Freiheit stand bisher in einer wesentlichen Beziehung zur Wahrheit. Jetzt steht die Freiheit in Beziehung zum menschlichen Gewissen. Das heißt, dem Menschen mit der Gewissensfreiheit die Wahl der Wahrheit überlassen. Das ist der Tod der Kirche. Das Gift der Revolution wird eingeführt; die von der Kirche anerkannten Menschenrechte. Der Rektor der Lateran-Universität und Kardinal Pavan geben das wenigstens zu. Die anderen werden sagen was sie wollen, um uns damit zum Schweigen zu bringen. Es steht jedoch schwarz auf weiß geschrieben: „Der Staat, die bürgerliche Gesellschaft, sind ihrem Wesen nach unfähig zu erkennen, welches die wahre Religion ist.”
Die ganze Geschichte der Kirche seit Unserem Herrn widerlegt eine derartige Behauptung. Jeanne d’Arc, die Heiligen, alle Fürsten und Könige, die Heilige waren, haben die Kirche verteidigt. Waren diese etwa unfähig, die wahre Religion zu erkennen? Man fragt sich, wie es möglich ist, daß jemand solche Abstrusitäten schreiben kann.
Die Antworten, die wir von Rom auf unsere Einwendungen gegen das Konzil erhalten haben, versuchen alle zu beweisen, daß keine Änderung vorliegt, sondern es sich um die Fortsetzung der Tradition handelt. Diese Behauptungen sind schlimmer, als die Erklärungen über die Religionsfreiheit. Es sind echte offizielle Lügen.
Solange die Verantwortlichen in Rom die konziliaren Ideen über die Religionsfreiheit, den Ökumenismus und die Kollegialität aufrechterhalten, befinden sie sich auf dem falschen Weg. Das ist eine verhängnisvolle Situation, die bis in die praktische Verwirklichung reicht. Dies liefert zum Beispiel die Rechtfertigung für den Besuch des Papstes in Kuba. Der Papst besucht und empfängt die kommunistischen Staatschefs, Folterer, Mörder, an deren Händen Blut von Christen klebt, als wären sie dessen ebenso würdig wie ehrbare Menschen.

André Cagnon „Fideliter“:
Kardinal Lustiger erlebte eine Panne. Er konnte nicht nach Kiew fahren.

Erzbischof Lefebvre:
Als er die Sowjetunion besuchte, glaubte er, Moskau sei katholisch geworden. Ein Mangel an Urteil. Man sagt, der Papst habe Moskau mehr oder weniger die Designierung des ukrainischen Patriarchen anstelle des derzeitigen, dem Nachfolger von Kardinal Slipyi, gewährt. Offensichtlich ein Patriarch, der wie Pimen ein Sowjetagent sein könnte.
Alle diese Besuche spielen das Spiel der Sowjets. Zu guter Letzt werden sie das haben, was sie sich wünschen, und zwar, die Ukrainer mit Hilfe einer Hierarchie, die sich in der Hand der Regierung befindet, voll in ihre Gewalt zu bekommen. Es handelt sich um das gleiche Schema wie in Ungarn. Nach Kardinal Mindszenty ernannten sie Kardinal Lekai, eine skandalöse Persönlichkeit. Früher wurden alle Kardinäle und Bischöfe ins Gefängnis geworfen, weil sie die katholische Religion verteidigt haben. Jetzt werden Priester, die wahrhaft katholisch sind, von diesen ins Gefängnis geworfen. Nicht die atheistische Regierung, die Sozialisten oder die Freimaurer verfolgen uns, sondern die sogenannten katholischen Bischöfe – die konziliaren Bischöfe.
Die gleiche Vorgehensweise kann man in den kommunistischen Ländern feststellen. Bischöfe, die zu den „Friedenspriestern“ gehören, sind mit der kommunistischen Regierung einig. Nicht mehr die Regierungen sind die Verfolger, sondern die Bischöfe.
Von einem ungarischen Priester habe ich einen Brief mit folgendem Wortlaut erhalten: „Wenn es Zwistigkeiten gibt, ist die Regierung beinahe der gute Papa, die den Bischof mit den Priestern in Übereinstimmung zu bringen versucht und eine gute Rolle spielen will.“ Es ist unglaublich! Der Papst verursacht ein furchtbares Unrecht, wenn er dem Irrtum und dem Laster den gleichen Respekt erweist wie der Wahrheit und der Tugend. Für die kleinen Leute ist das eine katastrophale Situation. Es ist der vollkommene Ruin aller christlichen Moral, sogar der Grundlage der Sittlichkeit und selbst des gesellschaftlichen Lebens.

André Cagnon „Fideliter“:
Johannes Paul II. verteidigt die Einheit der Familie. Er ist gegen die Heirat der Priester und gegen die Abtreibung. Viele sind der Meinung, daß er auf dem Gebiet der Moral ein guter Papst ist.

Erzbischof Lefebvre:
Ja, in Bezug auf bestimmte Grundsätze der natürlichen Moral. Das wird gesagt. Aber in der Praxis läßt man die Priester weiterhin für die Empfängnisverhütung eintreten, ohne sie zu verfolgen. Dagegen wird nicht energisch genug Stellung genommen. Die allgemeinen Vorschriften gehören bereits ganz selbstverständlich zur natürlichen Sittlichkeit, daß man sich ihnen nicht öffentlich entgegenstellen wird. Bush, der Präsident der Vereinigten Staaten, ist gegen die Abtreibung; es wäre unvorstellbar, wenn der Papst dafür wäre.

André Cagnon „Fideliter“:
Johannes Paul II. hat in Österreich und an anderen Orten Ernennungen von Bischöfen vorgenommen, die als eher traditionstreu betrachtet werden. Eine Gruppe von deutschen Theologen, denen sich französische angeschlossen haben, kritisiert den Papst und macht ihm diesbezüglich Vorwürfe.
Auch Kardinal Ratzinger hat vor kurzem eine Instruktion über den Treueid mit dem vorausgehenden Glaubensbekenntnis erlassen. Sehen Sie darin ein Zeichen einer Art Besserung und einer Rückkehr zu gewissen traditionellen Formulierungen?

Erzbischof Lefebvre:
Ich glaube nicht, daß es sich dabei um eine wirkliche Rückkehr handelt. Man könnte es mit einer Schlacht vergleichen. Erhält man den Eindruck, daß die Truppen zu weit vorrücken, hält man sie zurück. Ebenso wird der Elan des Zweiten Vatikanischen Konzils etwas gebremst, da die Verfechter des Konzils zu weit vorausgehen. Übrigens haben diese Theologen nicht recht, wenn sie dem Papst Vorwürfe machen. Diese Bischöfe wurden ganz für das Konzil und für die nachkonziliaren Reformen gewonnen – für den Ökumenismus und für den Charismatismus. Sie verhalten sich nur scheinbar etwas gemäßigter. Scheinbar erzeugen sie ein etwas traditionelles religiöses Gefühl, das jedoch nicht sehr tief geht. Sie nehmen die entscheidenden Grundprinzipien und Irrtümer des Konzils willig an und setzen sie ins Werk. Das ergibt kein Problem. Im Gegenteil, ich würde sogar sagen, gerade diese Bischöfe verfahren mit uns am härtesten. Gerade sie würden am heftigsten fordern, daß wir uns den Prinzipien des Konzils unterwerfen.
Diese Taktik ist fast so notwendig, wie bei jedem anderen Kampf. Man muß Exzesse vermeiden.
Der Papst hat in Deutschland übrigens gerade Bischof Kasper ernannt. Dieser war Sekretär der Synode von 1985, bei der Kardinal Danneels von Brüssel den Vorsitz führte. Kasper war der „Chef“ und Vordenker der Synode. Er ist sehr intelligent und einer der gefährlichsten Bischöfe. Der Papst hat ihn gerade zum Bischof ernannt. Kasper gleicht in etwa Bischof Lehmann von Mainz. Er ist der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und auch sehr gefährlich. Das sind Personen, die man durchaus den Linken zuordnen kann. Im Grunde kommen sie an einen Karl Rahner oder einen Hans Küng heran. Allerdings werden sie sich davor hüten, das zu sagen. Sie wählen Formen, mit denen sie vermeiden wollen, daß man sie zu ihnen zählt, aber sie haben dieselbe geistige Einstellung. Meiner Meinung nach, gibt es im Moment kaum eine Hoffnung.

André Cagnon „Fideliter“:
Was ist schließlich von der Haltung Roms zu denken, die durch die Kardinäle Ratzinger und Mayer charakterisiert werden kann? Diese haben bisher immerhin eine gewisse Toleranz gegenüber Le Barroux, der Bruderschaft Saint-Vincent-Ferrier und der Bruderschaft St. Petrus an den Tag gelegt. Glauben Sie, daß sie ehrlich sind? Handelt es sich um ein Doppelspiel, das man solange fortzusetzen gedenkt, bis alle Mittel ausgeschöpft sind, um noch weitere traditionalistische Gruppen dazu zu bringen, sich anzuschließen? Könnte es sein, wenn das Spiel zu Ende ist, daß von den mit Rom „Wiederversöhnten“ verlangt wird: „Unterwerft euch dem Konzil!“? Oder könnte es sich um eine Wende handeln, die man ihnen zugute erhalten muß?

Erzbischof Lefebvre:
Es sind genügend Zeichen vorhanden, daß alles nur eine Ausnahme und ein Provisorium ist. Das sind keine allgemeinen Regeln, die allen Priestern und der ganzen Welt zugute kommen.
Vielmehr handelt es sich um Ausnahmeprivilegien, die für bestimmte Fälle gewährt werden. Das, was der Abtei Fongombault oder den Schwestern von Jouques und anderen Klöstern gewährt wurde, entspricht einfach dem Indult, auch wenn sie es nicht sagen. Der Indult ist aber eine Ausnahme. Er kann jederzeit zurückgezogen werden. Der Indult bestätigt das Bestehen der allgemein geltenden Regelung gerade dadurch, daß er eine Ausnahmeregelung ist. Diese allgemein geltende Regelung ist die neue Messe, die neue Liturgie. Es ist also eine Ausnahme, die diesen Kommunitäten gewährt wird.
Ein Beispiel dafür ist London. Der Kardinal-Erzbischof hat in der britischen Hauptstadt, rund um unser eigenes Zentrum, drei Messen eingeführt. Damit versucht er die Gläubigen von unserem Zentrum abzubringen. „Ich mache einen Versuch über sechs Monate“, sagte der Kardinal-Erzbischof. Wenn die Gläubigen beginnen, sich von unserem Zentrum zu lösen, setzt er den Versuch fort. Bleiben die Gläubigen jedoch bei uns, schafft er diese Messen wieder ab. Die Gläubigen, die an der traditionellen Liturgie wieder Geschmack gefunden haben, werden ohne Zweifel zu uns kommen, wenn diese Messen wieder abgeschafft werden.
Scheinbar denkt Kardinal Lustiger darüber nach, Priestern, die uns verlassen haben, eine Kirche zu geben. Er würde jedoch verlangen, daß auch dort die neue Messe zelebriert wird. Während den Diskussionen mit Kardinal Ratzinger in Rom sagte dieser zu mir: „Sollte im Falle einer Übereinkunft die Erlaubnis gegeben werden, in Saint-Nicolas-du-Chardonnet in Paris die alte Liturgie zu verwenden, müßte dort im Gegenzug auch die neue Messe gelesen werden.“
Diese unmißverständliche Aussage offenbart ihre Geisteshaltung. Es kommt für sie nicht in Frage, die neue Messe aufzugeben. Im Gegenteil! Das, was wie eine Konzession erscheinen konnte, ist in Wirklichkeit nur ein Manöver, um uns so viele Gläubige wie möglich abspenstig zu machen. Aus dieser Perspektive heraus scheinen sie immer noch ein wenig mehr zu gewähren und darin sehr weit zu gehen. Daher ist es unbedingt erforderlich, unsere Gläubigen zu überzeugen, daß es sich durchaus nur um ein Manöver handelt. Es ist sehr gefährlich, sich in die Hände der konziliaren Bischöfe und des modernistischen Rom auszuliefern. Das ist die größte Gefahr, die sie bedroht. Nicht umsonst haben wir zwanzig Jahre lang gekämpft, um den konziliaren Irrtümern zu entgehen. Wir werden uns daher nicht in die Hände der Personen ausliefern, die sich zu diesen Irrtümern bekennen.

André Cagnon „Fideliter“:
Die von Ihnen auserwählten Bischöfe üben nun seit einem Jahr ihr Amt aus. Konnten diese Bischöfe alles so umsetzen, wie Sie es gewünscht haben? Handeln diese Bischöfe auf Grundlage der Direktiven, die Sie ihnen etwa ein Jahr vorher gegeben haben?

Erzbischof Lefebvre:
Bis jetzt geht scheinbar alles gut. Man ist bemüht, sich so zu verhalten, daß man uns nicht vorwerfen kann, wir würden ihnen eine territoriale Jurisdiktion erteilen. Keiner der Bischöfe ist einem bestimmten Territorium zugeteilt. Natürlich ist es naheliegend, daß in Frankreich ein französischer und in Deutschland ein deutschsprachiger Bischof eingesetzt wird. Wir bemühen uns, von Zeit zu Zeit zu wechseln, um der Kritik keine Handhabe zu geben. Sicherlich liegt es nahe, daß Bischof Williamson in den Vereinigten Staaten die Firmungen spendet. Aber auch Bischof Fellay hat bereits in Saint Mary’s gefirmt. Man kann also nicht sagen, daß die Vereinigten Staaten die Domäne von Bischof Williamson sind. Bischof Fellay besuchte ebenso Südafrika, obwohl dieses Territorium vorher von Bischof Williamson visitiert wurde. Bischof Tissier de Mallerais war in Südamerika und in Zaitzkofen in Deutschland. Wir bemühen uns, an diesem Prinzip festzuhalten, daß es keine beschränkten Wirkungskreise gibt, die nur auf ein bestimmtes Gebiet ausgelegt sind. Die Bischöfe sind dazu da, Priesterweihen und Firmungen vorzunehmen, mich zu ersetzen und die Aufgaben zu übernehmen, die ich jahrelang alleine ausgeübt habe.
Die Distriktoberen sind für ein bestimmtes Gebiet eingesetzt. Sie werden den Seelen, die sie rufen, so weit sie können zu Hilfe kommen. Diese Seelen haben ein Recht darauf, die Sakramente und die Wahrheit zu empfangen, um gerettet zu werden. Also kommen wir ihnen zu Hilfe. Der Hilferuf dieser Seelen verleiht uns die vom Kirchenrecht vorgesehene Berechtigung, sie aufzusuchen.
Ich glaube, man kann dem lieben Gott danken, daß alles gut gegangen ist. Die Reaktionen der Gläubigen beweisen es uns. Sie sind befriedigt und haben unsere Bischöfe gut aufgenommen.
Ohne Zweifel schmerzt uns der Weggang einiger Priester und Seminaristen. Man könnte dies jedoch mit der Wallfahrt nach Chartres vergleichen: Man kann dem lieben Gott nur dafür danken, daß uns Personen verlassen, die nicht vollkommen mit uns einverstanden sind und unseren Kampf nicht verstehen. So sind wir stärker und sicherer in unserem Vorgehen. Ansonsten wären wir ständig mit Personen konfrontiert, die uns kritisieren und innerhalb unseres Werkes nicht mit uns einverstanden sind. Das würde zu Spaltungen und Unordnung führen.
P. Schmidberger betonte in einer der letzten Ausgaben des „Fideliter“, daß wir erfreuliche Eintritte in unseren Seminaren sowie auch bei den Schwestern der Bruderschaft und in den anderen weiblichen Orden verzeichnen konnten. Man spürt nichts von einem starken Rückschlag, der eine beträchtliche Einbuße befürchten ließe. Manche hatten uns das prophezeit.

André Cagnon „Fideliter“:
Auf Bitte von Kardinal Thiandoum haben Sie sich kürzlich mit ihm getroffen. Hat er einen Weg zur Versöhnung gesucht?

Erzbischof Lefebvre:
Das ist richtig. Er hatte insistiert, daß ich ihn in Neuilly, bei den Schwestern des hl. Thomas von Villanova, besuche. Ich habe mich also dorthin begeben. Er ist immer sehr liebenswürdig und herzlich. Aber im Augenblick ist weder von Rom, noch von Kardinal Thiandoum, noch von irgendeinem anderen Kardinal ein Entgegenkommen zu erwarten. Man spürt nicht die leiseste Annäherungsbereitschaft.
Ich denke, Taten sind überzeugender als Worte. Einige Personen sagen: „Sie könnten doch einen eindrucksvollen Brief an den Papst schreiben!“ Seit zwanzig Jahren verfassen wir Briefe, die zu nichts geführt haben! Ich sage es nochmals: Es sind die Taten, die sprechen. Wenn man ein Seminar eröffnet, Priorate gründet, Schulen eröffnet, Schwestern Niederlassungen gründen oder die Klöster sich vermehren, dann sind das die einzigsten Mittel, um Rom zum Dialog zu zwingen. Es handelt sich nicht um meine Anwesenheit, sondern nur um die Werke. Sie sind sich im klaren darüber, daß es sich dabei um keine geringen Werke handelt. Die Bischöfe sind immer etwas beunruhigt, wenn man sich an dem einen oder anderen Ort niederläßt. Sie beklagen sich dann in Rom und Rom ist im Bild.
Ich bin also nicht der Meinung, daß es noch sinnvoll ist, etwas in Rom zu suchen. Vielmehr glaube ich, daß man warten muß, jedoch leider auch darauf, daß sich die Lage für sie verschlimmert. Bis jetzt wollen sie das nicht zugeben.

André Cagnon:
Wenn Rom auf Ihre Forderung eingegangen wäre, Ihnen auch nur einen Bischof zu gewähren, hätte das Protokoll über das Einverständnis zu einem Abkommen führen können. Man kann sich nur wundern, daß Ihnen diese Konzession, die nicht viel bedeutet hätte, verweigert wurde. Ein Bischof für die Bruderschaft, gegen fast dreitausend Bischöfe auf der Welt.

Erzbischof Lefebvre:
Ja, das ist erstaunlich. Diese Tatsache kann sich nur aus der Angst vor der Tradition erklären. Es ist unglaublich, aber sie haben sogar Angst vor einem einzigen traditionstreuen Bischof, der gegen die konziliaren Irrtümer arbeiten. Das können sie nicht ertragen.

André Cagnon „Fideliter“:
Was halten Sie von der Instruktion, die Kardinal Ratzinger mit dem Treueid einführt, der ein Glaubensbekenntnis beinhaltet?

Erzbischof Lefebvre:
Das „Credo“ stellt zunächst kein Problem dar. Es ist intakt geblieben. Die ersten beiden Absätze zeigen ebenfalls keine Schwierigkeiten. Vom theologischen Standpunkt aus gesehen, handelt es sich um geläufige Dinge. Der dritte Absatz ist jedoch sehr gefährlich.
Der dritte Absatz bedeutet praktisch, sich dem anzuschließen, was die Bischöfe der ganzen Welt heute denken. In der Präambel wird dies übrigens eindeutig ausgesprochen. Dieser Absatz wurde mit Rücksicht auf den Geist des Konzils hinzugefügt. Er bezieht sich auf das Konzil und auf das sogenannte Lehramt von heute. Dabei handelt es sich um das Lehramt der Konziliaren. Man hätte hinzufügen müssen: „soweit dieses Lehramt in voller Übereinstimmung mit der Tradition ist“.
Die jetzige Formulierung ist gefährlich. Diese Formulierung zeigt eindeutig den Geist dieser Personen, mit denen eine Verständigung unmöglich ist. Es ist absolut lächerlich und falsch, diesen Treueid als ein Wiederaufleben des seit dem Konzil abgeschafften Antimodernisteneides darzustellen. Manche Personen sind dieser Meinung. Das wirksame Gift ist in diesem dritten Absatz enthalten. Dieser Absatz scheint nur dazu geschaffen zu sein, die Wiedereingegliederten zu verpflichten, dieses Glaubensbekenntnis zu unterzeichnen und ihr volles Einverständnis mit den Bischöfen zu bekräftigen.
Man könnte es damit vergleichen, als ob man zur Zeit des Arianismus gesagt hätte: „Jetzt seid ihr mit allem einverstanden, was die arianischen Bischöfe denken.“
Ich übertreibe nicht. In der Einführung wird dies klar ausgesprochen. Das ist Betrug. Man kann sich fragen, ob man nicht in Rom den Text des Protokolls auf diese Weise korrigieren wollte. Obwohl es uns nicht befriedigt hat, scheint der dritte Artikel der doktrinalen Erklärung immer noch zu sehr zu unseren Gunsten zu lauten. Er spricht nicht eindeutig genug die Notwendigkeit aus, daß wir uns dem Konzil unterwerfen.
Ich glauben, sie wollen die Verluste dadurch wiedergutmachen. Ohne Zweifel werden sie diese Texte von den Seminaristen der Bruderschaft St. Petrus vor ihrer Priesterweihe unterzeichnen lassen. Auch die Priester der Bruderschaft St. Petrus werden dieses Dokument unterzeichnen müssen. Sie werden damit verpflichtet, einen offiziellen Akt der Wiedereingliederung in die konziliare Kirche zu vollziehen.
Im Gegensatz zum Protokoll unterwirft man sich durch diese neuen Texte dem Konzil und allen konziliaren Bischöfen. Das ist ihr Geist. Man wird sie nicht ändern.

André Cagnon „Fideliter“:
Sie haben also keinerlei Zweifel und bedauern nichts.

Erzbischof Lefebvre:
Nein, durchaus nicht. Ich glaube, es wurde alles auf eine wahrhaft providentielle und fast wunderbare Weise gelenkt.
Viele haben mich gedrängt: „Sie werden alt. Wenn sie nicht mehr sein werden, was wird dann aus uns?“ Ich hätte schon vor mindestens drei oder vier Jahren Bischöfe weihen können. Das wäre sogar vernünftig gewesen. Vielleicht wollte der liebe Gott jedoch, daß die Dinge ganz langsam reifen. Vielleicht wollte Er Rom eindeutig zeigen, daß wir alles dazu beigetragen haben, um endlich diese Genehmigung zu erlangen, um wahrhaft traditionstreue Bischöfe zu erhalten.
Obwohl von Rom das Protokoll unterzeichnet wurde, haben sie sich trotzdem geweigert, uns diese Bischöfe zu geben. Wenn wir bei diesem Entschluß geblieben wären, müßten wir in der Praxis mit allen Schwierigkeiten rechnen, die man sich nur denken kann. Ich glaube, man mußte wirklich zu diesem Entschluß gelangen, den ich gefaßt habe. Wir standen dabei bereits an der alleräußersten Grenze.
Kaum ein Jahr nach den Bischofsweihen, ist unser lieber Bischof de Castro Mayer so erschöpft, daß er nicht mehr seine Messe zelebrieren kann. Sein Kommen, seine Reise, sein wunderbares Glaubensbekenntnis und seine Bereitschaft, mit mir gemeinsam die Zeremonie der Bischofskonsekration zu vollziehen, grenzten wirklich an ein Wunder. Die Presse hatte die Bedeutung seiner Anwesenheit nicht richtig eingeschätzt. Für mich und die geweihten Bischöfe war es eine wahrhaft besondere Gnade. Die Tatsache, daß sie von zwei Bischöfen geweiht wurden, war sehr wichtig.
Was mich betrifft, so fühle ich mich wohl und leide an keiner schweren Krankheit. Dennoch bemerke ich eine Müdigkeit. Ich werde mich genötigt sehen, vollständig auf weitere Zeremonien zu verzichten, die ich noch übernehmen sollte, da ich nicht mehr die Kraft dazu habe. Heute sehe ich mich außerstande, nochmals diese Weltreisen zu machen, die ich bereits hinter mir habe. Man drängt mich, Argentinien oder auch die Vereinigten Staaten zu besuchen, um das neue Seminar in Winona zu sehen. Es gibt Grenzen. Ich bin dazu nicht mehr fähig. Daher beschränke ich mich auf Dinge, die für mich nicht zu sehr ermüdend sind: Eine Kapellenweihe, eine Einkleidung bei den Karmeliterinnen, eine Primiz. Sicher ist das sehr wenig im Vergleich zu meinen früheren Tätigkeiten. Ich spüre genau, daß für mich der 30. Juni ein endgültiger Termin war. Wahrscheinlich wollte der liebe Gott, daß sich alles so abspielt, wie es gekommen ist. Alle, die dieser Zeremonie beigewohnt haben, bewahren eine außerordentliche Erinnerung daran. Alles war providentiell.
Man kann nur hoffen, daß die Gläubigen immer zahlreicher werden. Hoffentlich werden ihnen die Augen geöffnet, damit sie endlich sehen, wo sich die Wahrheit befindet. Dann werden sie feststellen, daß das Heil in der Tradition und nicht in der konziliaren Kirche liegt, die immer schismatischer wird.

André Cagnon „Fideliter“:
Sicher ist Ihnen bekannt, daß Ihr Name aus der letzten Ausgabe des Päpstlichen Jahrbuches verschwunden ist.

Erzbischof Lefebvre:
Ich glaube, daß mein Name nicht aus dem Jahrbuch des lieben Gottes verschwunden ist, wenigstens hoffe ich das. Das ist die Hauptsache.
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