Debatte um Beschneidung hält unvermindert an PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 24. Juli 2012 um 09:38 Uhr

beschneidungSeit dem Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts Anfang Juli reißt die Debatte nicht mehr ab: Ein vierjähriger Junge muslimischer Eltern wurde in einem Kölner Krankenhaus beschnitten.

Die Staatsanwaltschaft wurde nach eintretenden Komplikationen von anderen Ärzten informiert und deshalb ging die Sache vor Gericht. Verdacht auf Köperverletzung.

Das Kölner Landesgericht hat daraufhin entschieden: Wer in Deutschland einen Jungen aus religiösen Gründen beschneidet, begeht als Arzt eine Körperverletzung - auch wenn die Eltern des Kindes den Eingriff ausdrücklich wünschen. (Das Urteil als PDF)

Seitdem gehen die Wogen in Deutschland hoch.

Was bedeutet Beschneidung beim Mann?

Bei der Beschneidung wird die Vorhaut des männlichen Geschlechtsorgans operativ teilweise oder ganz entfernt. Dies kann aus medizinischen oder hygienischen Gründen durchgeführt werden. So unterstützt die Weltgesund-heitsorganisation seit mehreren Jahren Kampagnen für die Beschneidung von Männern in Afrika, um die Verbreitung von HIV einzudämmen. Oft hat die Beschneidung von Jungen aber auch religiöse oder kulturelle Gründe; sie symbolisiert auch die Aufnahme in die Gemeinschaft.

Wie viele Männer sind beschnitten?

Erstaunlich hoch ist die Beschneidungsrate in den USA: Dort werden 70% der neugeborenen Jungen beschnitten. (vgl. Beitrag im Tagesspiegel: "In den USA ist es Routine") Die Ärzte geben hygienische Gründe für den Eingriff an. Weltweit ist die Zahl schwer zu eruieren, laut Schätzung der WHO sind es ca. 25 % der Weltbevölkerung.

Wie begründen die Religionen die Beschneidung?

Die rituelle Beschneidung von Jungen wird nur bei Juden und Muslimen vorgenommen. Einzige Ausnahme bilden die Koptische und die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche.

Im Koran ist die Beschneidung nicht erwähnt, aber ein obligatorischer Brauch. Für die meisten Juden ist die Beschneidung ein zentrales Element ihrer Religion und unerlässliches Zeichen für die Identität des Volks Israel.

Schon sehr früh hat sich das Christentum von der Beschneidung gelöst. Während Paulus  Timotheus aus Rücksicht auf die Juden noch beschneiden lässt (Apg 16,3), lehrt er theologisch sehr klar, dass die Beschneidung vollständig von der Taufe ersetzt ist:

"Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, noch ist die äußerliche Beschneidung im Fleische Beschneidung; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geiste, nicht im Buchstaben; dessen Lob nicht von Menschen, sondern von Gott ist." (Röm 2,29) "...wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Scythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen." (Kol 3,11)

Scheinbar kam es schon bei den ersten Christen zu endlosen Debatten um die Beschneidung, welche Paulus im Galterbrief zu der lapidaren Äußerung führt:

"Wer unter euch die Verwirrung anrichtet, hat die Strafe zu tragen, wer er auch sei. Wenn aber ich die Beschneidung weiterpredigte, würde man mich dann noch verfolgen? Dann wäre ja das Ärgernis des Kreuzes behoben. Die Verwirrung unter euch schaffen, sollten sich doch lieber gleich zerschneiden lassen" (Gal. 5,10ff)

Auf welche Bibelstelle berufen sich die Juden?

Im Buch Genesis (1. Buch Mose 17) befiehlt Gott dem Stammvater Abraham: „Alles Männliche werde bei euch beschnitten; und ihr sollt das Fleisch eurer Vorhaut beschneiden. Und das soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch." Deshalb soll jeder Junge im Alter von acht Tagen beschnitten werden.

Warum hat das Kölner Landgericht sich gegen die Beschneidung ausgesprochen?

Das Urteil ist Teil der Debatte, ob traditionelle religiöse Rituale wie das Kopftuch oder das Schächten, die nicht der christlichen Welt angehören, in die europäische Welt passen. Die Richter haben zwischen dem Grundrecht der Religionsfreiheit und dem Grundrecht des Kindes auf körperliche Un-versehrtheit abgewogen und Letzterem den Vorrang gegeben.

Wie lassen sich solche medizinischen und kosmetischen Eingriffe an Kindern rechtlich einordnen?

Nach Auffassung der Richter ist die religiöse Beschneidung ein irreparabler Eingriff. Auch wenn die Eltern zustimmen, handle es sich um eine unerlaubte Körperverletzung. Der irreversible Körpereingriff darf nur mit Einwilligung des Patienten geschehen. Wo dies unmöglich ist – wie etwa bei Säuglingen – bedarf es der Einwilligung durch die Eltern. Auch das Votum der Eltern darf das Wohl des Kindes nicht gefährden.

Wie reagieren die Religionsvertreter auf dieses Urteil?

Vertreter von Juden, Muslimen und der christlichen Kirchen haben das Urteil als Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Religionen und der Religionsfreiheit zurückgewiesen. Vertreter des Judentums forderten die Bundesregierung auf, Rechtsklarheit zu schaffen. Bei einem Verbot der Be-schneidung sei jüdisches Leben in Deutschland unmöglich. Auch Vertreter der Muslime warnten vor einem Signal des Misstrauens gegenüber Migranten.

Gab es auch Zustimmung zu dem Urteil?

Zustimmung für das Kölner Urteil gab es von Kinderschutzinitiativen, Medizinern und vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten. Ärzteverbände verwiesen auf die unsichere Rechtslage und rieten ihren Mitgliedern, von rituellen Beschneidungen an Kleinkindern zunächst abzuse-hen. Die Mehrheit der Deutschen lehnt laut Umfrage die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen ab. 

Die jüngste Reaktion der Bundesregierung:

Der Bundestag hat am Donnerstag (19. Juli) einen Entschließungsantrag mit breiter Mehrheit verabschiedet. Nach heftiger internationaler Kritik am Verbotsurteil des Kölner Landgerichts soll die rituelle Beschneidung von Jungen in Deutschland künftig straffrei gestellt werden. Der Bundestag forderte die Regierung mehrheitlich zur Vorlage eines entsprechenden Gesetzes auf. Damit soll sichergestellt sein, „dass eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig ist.“

Einzelne Stimmen:

37 namhafte Mediziner und Juristen warnten in einem offenen Brief die Bundesregierung vor „vorschnellen Beschlüssen". Es herrsche „eine bemerkenswerte Verleugnungshaltung und Empathieverweigerung gegenüber den kleinen Jungen, denen durch die genitale Beschneidung erhebliches Leid zugefügt wird". (vgl. hierzu einen lesenswerten Hintergrundbericht der F.A.Z.)

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, sagte dem „Focus", die kontroverse Debatte über die Zulässigkeit von Beschneidungen sei nicht auf das Thema Antisemitismus zurückzuführen. Erstaunt habe ihn aber die verbreitete Unwissenheit in der Sache. Zugleich lobte Graumann die Initiative von Union, FDP und SPD, die rituelle Beschneidung auch gegen eine Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung per Gesetz zu legalisieren.

Dagegen haben Juristen, Theologen und Historiker bei einer Tagung der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien das Kölner Urteil sowie die daraus entstandene öffentliche Debatte scharf kritisiert. „Wir erleben derzeit eine teils antisemitisch geprägte Ausgrenzungsdebatte im Namen liberaler Werte", sagte der UN-Sonderberichterstatter über Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Heiner Bielefeldt. Die mediale Auseinandersetzung richte sich auch gegen Religionen im Allgemeinen und trage „befremdlich herrische und völlig unangemessene Züge". Aus seiner Sicht versuchten derzeit einzelne Juristen, die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit „zurückzustutzen".

Der Münsteraner Jurist Bijan Fateh-Moghadam bezeichnete das Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Körperverletzung wertet, als Ergebnis „verfassungsblinder und also schlechter Jurisprudenz". Es bedürfe auch keiner Festschreibung eines Sonderrechts für Angehörige religiöser Minderheiten. Vielmehr sei die Entscheidung der Eltern, für ihr Kind über eine Beschneidung zu entscheiden, schon jetzt „eindeutig" durch das geltende Sorgerecht gedeckt.

(Quelle: pius.info mit Material der KNA)


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