Bischof Müller und die Piusbruderschaft: Ein Kommentar PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 03. Juli 2012 um 17:15 Uhr

bischof muellerJetzt ist es offiziell: Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller (Bild) wird oberster Glaubenshüter der katholischen Kirche.

Papst Benedikt XVI. ernannte ihn zum neuen Präfekten der einflussreichen Glaubenskongregation und hob ihn damit auf das formal dritthöchste Amt der Kirche.

Zudem wird der gebürtige Mainzer Präsident der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, die für die Gespräche mit der Piusbruderschaft verantwortlich ist.

Wer ist dieser schillernde Bischof von Regensburg, den die einen als „liberal“, andere als "konservativ“ bezeichnen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Für das Verhältnis der Piusbruderschaft zu Rom ist das in etwa so, wie wenn der Marquis de Pombal zum Generaloberen der Jesuiten berufen worden wäre.

Bischof Müller gilt als – um es einmal gelinde zu formulieren – der Piusbruderschaft nicht besonders wohlwollend gesonnen. Vielleicht mag diese Aversion damit zu tun haben, dass ausgerechnet das deutsche Seminar der Piusbruderschaft in Zaitzkofen und damit in seiner ehemaligen Diözese liegt. Als ordnungsbewusster Oberhirte hat er sich immer wieder einmal offen gegen die Weihen in dem kleinen oberpfälzer Ort ausgesprochen und sie auch nach der Aufhebung der Exkommunikation als „illegal“ bezeichnet.

Dafür erntete er von Seiten der Bruderschaft manche Retourkutsche, so auch bei den jüngsten Priesterweihen, wo S.E. Bischof de Galaretta über den deutschen Oberhirten sagte:

„Gestern erlebten wir einen traurigen Tag für die Kirche, da zum Chef der Glaubenskongregation ein Mann gewählt wurde, der unter anderem leugnet, dass die Jungfrau Maria immerwährende Jungfrau war. [...] Es ist unglaublich, dass wir heute so weit sind, dass der oberste Hüter des Glaubens Häresien verbreitet.“

Die Boulevard-Presse hat sich nach diesen Worten umgehend auf den Pius-Bischof gestürzt: Er würde Bischof Müller als „Häretiker“ bezeichnen.

Das stimmt im Wortlaut nicht. Doch die Häresien, von denen Bischof de Galarreta zu Recht spricht, sind schwarz auf weiß verbrieft: In seiner viel gepriesenen Dogmatik (3. Auflage, Freiburg 2010), die nach Meinung des Papstes höchstselbst das einzige Lehrbuch ist, welches „das große Gefüge der Welt des katholischen Glaubens in seiner inneren Einheit sichtbar macht“, in diesem Lehrbuch des Glaubens also leugnet der künftige Hüter der Dogmen schon vorweg mal einen Glaubenssatz, den zu bewachen er eigentlich berufen ist, nämlich die Jungfräulichkeit Mariens in der Geburt:

Bei dieser gehe es „nicht um abweichende physiologische Besonderheiten in dem natürlichen Vorgang der Geburt (wie etwas die Nichteröffnung der Geburtswege, die Nichtverletzung des Hymen und der nicht eingetretenen Geburtsschmerzen), sondern um den heilenden und erlösenden Einfluss der Gnade des Erlösers auf die menschliche Natur“.

Dazu kommt die Leugnung der Realpräsenz (pius.info berichtete) und seine Bewertung der „protestantischen Gemeinschaften“, die „proprio sensu“ auch Kirchen seien (Bericht pius.info).

Bei diesem letzten Punkt kommt es zu einer greifbaren Widersprüchlichkeit in der Haltung von Bischof Müller: Während er die Piusbruderschaft ablehnt und als "illegal" bezeichnet, findet er für diejenigen, welche das Papsttum verleugnet und das Weihepriestertum aufgegeben haben, höchste Worte der bedingungslosen Freundschaft. So ließ er bei der Laudatio auf den evangelischen Landesbischof Friedrich am 11. Okt. 2011 verlauten:

„Wir sind als katholische und evangelische Christen also auch in dem schon vereint, was wir die sichtbare Kirche nennen. Es gibt daher – genau genommen – nicht mehrere Kirchen nebeneinander, sondern es handelt sich um Trennungen und Spaltungen innerhalb des einen Volkes und Hauses Gottes.“

Nur mal rein logisch gedacht: Ob man der Piusbruderschaft die freundschaftliche Hand entgegenstreckt, wird stets davon abhängig gemacht, ob die Bruderschaft das Konzil "bedingungslos anerkennt". Müsste Bischof Müller dieselbe kritische "Wenn du nicht..."–Haltung auch bei den Protestanten an den Tag legen? Wäre nicht für die protestantischen Gemeinschaften als Vorbedingung zu fordern, dass sie nach 500 Jahren endlich wieder als Allererstes bedingungslos das Papsttum anerkennen, bevor man sich "in dem vereint" fühlt, "was wir sichtbare Kirche nennen"?

Daniel Deckers von der FAZ fügt ein weiteres Fragezeichen zum Bild des Bischofs Müller hinzu:

"Und es ist wirklich derselbe Mann, [...] der zusammen mit seinem von der vatikanischen Kongregation für Glaubenslehre immer argwöhnisch beäugten Freund und Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez ein Buch schreibt, in dem eben jene Befreiungstheologie als "im regionalen Kontext und für die weltweite theologische Kommunikation unaufgebbar" bezeichnet wird?“

Ein Freund der kommunistisch-orientierten Befreiungstheologie und zugleich Garant für die Integrität des Glaubens? Wie geht das zusammen? Der jetzige Papst war als Chef der Glaubenskongregation in den achtziger Jahren einer der Hauptakteure in der Auseinandersetzung mit dieser Richtung der Theologie. Höhepunkt dieses Streits war ein Rede- und Lehrverbot gegen den brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff im Jahre 1985. Für das Amt des Präfekten der Glaubenskongregation befindet Deckers daher abschließend “bedarf es aber weniger der Fähigkeit, die Farben und die Haltung zu wechseln“.

Dennoch gilt Müller zugleich als konservativ. Oder sollte man besser sagen: als autoritär?

In der Zusammenarbeit mit den Gremien kennt der Hirte weder „Furcht noch Tadel“: Als er 2005 die Mitwirkungsrechte der Laien in den Kirchengemeinden drastisch einschränkte, brachte Müller dies auch innerhalb der deutschen Bischöfe viel Widerspruch. Der Vatikan stellte sich hinter Müller. Den langjährigen Präsidenten Hans Maier lädt er wegen dessen Sympathie für „Donum vitae“ vom Kirchentag aus.

Auch Gernot Facius von der "Welt" weiß von Müllers Durchgreifen zu berichten, das ihm den Ruf eingebracht hat, ein Hardliner zu sein:

„Müllers Zeit als Regensburger Bischof war geprägt von Konflikten vornehmlich mit Vertretern katholischer Laienorganisationen. Er setzte einen Dekanatsratsvorsitzenden ab, ersetzte den Diözesanrat durch zwei neue, ihm genehmere Gremien. Selbst im Kreise seiner Amtsbrüder zeigte man sich über den Regensburger Stil beunruhigt. Müller ließ das kalt. Ein Bischof, sagte er einmal in einem "Welt"-Interview, sei eben kein "Direktor einer Folklore-Bewegung", sondern habe stets die Einheit der Kirche zu verteidigen. [...] Mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und dem Deutschen Katholikentag ging er zuweilen hart ins Gericht. Er protestierte öffentlich gegen die Forderungen nach einem Diakonat der Frau.“

Vieles also ist bei Bischof Müller schillernd, nur eines nicht: Seine offene Ablehnung der Piusbruderschaft gegenüber.

Oder wird sich das ändern, wenn der Rheinländer an den Tiber kommt und nun die Piusbruderschaft als einen weltumspannenden Orden kennenlernt und nicht mehr nur als ein - von ihm aus betrachtet - "widerspenstiges" Seminar im eigenen Sprengel?

Es wäre zu wünschen, dass ein wenig weltkirchliche Universalität Wasser in den Essig mischt, den er bislang der Bruderschaft kredenzte.

Und umgekehrt: Wird die Piusbruderschaft nun aufhören, den künftigen Kardinal und Hüter des Glaubens zu kritisieren? Die Piusbrüder sind – und dies als wichtige Botschaft an den künftigen Gesprächspartner – keine Kritisierer um des Kritisierens willen. Wir sind keine Gegenbewegung oder, wie Erzbischof Lefebvre sagte: „Keine Antis“!

Die Bruderschaft fühlt sich verpflichtet, im Namen der Kontinuität und Konsistenz der katholischen Lehrverkündigung auf all jene Aussagen hinzuweisen, die in direktem Gegensatz zum katholischen Dogma stehen. Des Bischofs Müller Name wird hier genannt, nicht wegen einer persönlichen Aversion, sondern wegen eben dieser Aussagen, welche mit dem Lehramt unvereinbar sind.

Das schließt aber nicht aus, dass ein Bischof sich ändern könnte oder – wie in diesem Fall notwendig – die entsprechenden Aussagen korrigierte.

Ob der nach außen hin drittgrößte Mann der Kirche allerdings die innere Größe hat, einen Fehler einzugestehen oder wenigstens die Aussagen richtigzustellen, ist eine andere Frage.

Was Bischof Müller vielleicht bis heute noch nicht wusste: Die Piusbruderschaft betet bekanntermaßen in jeder ihrer Niederlassungen für den jeweiligen Ortsbischof. Die vielen Priester von Zaitzkofen, welche Bischof Müller bis dato ein Dorn im Auge waren, haben in all den Jahren seiner Regentschaft in Regensburg in jeder Messe gebetet:
et Antistite nostro Gerardo Ludovico“ – „für unseren Bischof Gerhard Ludwig“. – Hoffentlich hat's genützt.


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