Ist eine Einigung mit Rom möglich? PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 06. Dezember 2011 um 13:28 Uhr

obenauer
Vor Kurzem hat Karl-Heinz Menke, Theologie-Professor an der Universität Bonn, sich in einem Interview auf "Domradio" zu Wort gemeldet. Unter der Überschrift: "Mission impossible" - "Unmögliche Mission" kommt er zu dem Schluss: Eine kirchenrechtliche Integration der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist unmöglich: "Ich bin überzeugt, dass es nicht geht!" (Siehe Beitrag von Domradio)

Daraufhin hat sich ein weiterer Theologieprofessor zu Wort gemeldet, Dr. Klaus Obenauer (Bild), der an der gleichen Fakultät in Bonn tätig ist. Er kommt zum gegenteiligen Schluss: "Es muss gehen, wir haben keine andere Wahl!"

Lesen Sie hier die interessante Analyse, warum die Priesterbruderschaft St. Pius X. für die Kirche von großer Wichtigkeit ist (veröffentlicht von katholisches.info).

Quelle: katholisches.info:

An sich mag man in „Nostra aetate" nichts Falsches finden, wenn man's denn richtig liest; aber nach seinem Gesamteindruck ist es für mich das Skandaldokument des Konzils.

Eine Replik auf Karl-Heinz Menkes "Mission Impossible – Zweifel an Einigung zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan"

von Klaus Obenauer

„Ich bin überzeugt, dass es nicht geht", antwortet Karl-Heinz Menke lakonisch auf die Frage, ob es denn möglich sei, die „gesamte" FSSPX „als einen Block" zu integrieren. Gerechterweise muss man zugeben, dass jene Antwort auf diese Frage an sich Platz lässt für die Möglichkeit einer Teillösung. Das Gefälle des ganzen Interviews lässt jedoch eine klare Botschaft erkennen: Das Ganze hat keinen Wert, da wird nichts draus, die sind nicht integrierbar. Und zwischen den Zeilen glaube ich lesen zu können: Gott sei Dank, das ist auch besser so.

Als jemand, der die entschieden gegenteilige Option hat, fühle ich mich hiervon getroffen, in gewisser Weise sogar verletzt. Wenn ich nämlich sehe, wie man hier – so glaube ich es jedenfalls bewerten zu müssen – versucht, von theologisch prominenter Seite aus einer Versöhnungsbemühung, von welcher für das Leben der Kirche viel abhängt und deren definitives Scheitern ich als tragisch bewerte, „den Rest zu geben".

Für mich selber, der ich nicht bekannt bin, muss ich, vielleicht zum Befremden Zahlreicher von denen, die mich kennen, offenbaren: Für meine äußerst begrenzten Möglichkeiten habe ich dennoch, aus tiefempfundener leidenschaftlicher Anteilnahme, versucht, als Theologe mein Scherflein zu einer Aussöhnung beizutragen, in Form von Kontakten auf niederer Ebene und auch Eingaben in Rom; als gläubiger Katholik habe ich dafür gebetet und schon mal gefastet. Und nichts hält mich davon ab, mich mit diesem Bekenntnis unter Umständen bei vielen unmöglich oder eben lächerlich zu machen.

Warum sehe ich nun diese Dringlichkeit für die Aussöhnung mit der FSSPX? Was mich an Professor Menkes Analyse mehr als stört, ist die rein synchronale Deutung einer sicherlich kirchenpolitisch höchst relevanten Affaire in den Kategorien des profanen Politikbetriebs: Da gibt es Rechte, und da gibt es Linke. Und da die Linken die Konziliante­ren sind, die Rechten aber immer gleich intransigent auf´s Ganze gehen, muss sich der Papst bis zur Selbstverde­mütigung um die Rechten mehr kümmern, damit die nicht vollends ausscheren.

Bei allem Respekt vor Professor Menke: Aber dieserart analytisches Instrumentar lässt mich schon etwas sprachlos werden! – Völlig verkannt wird hier der diachronale Aspekt, und der ist der entscheidende: Es ist ein Faktum, dass etwa seit 1965(!) die Katholische Kirche in der westlichen Welt unter einer Identitätskrise laboriert; und inzwischen ist diese Krise tragisch chronifiziert, bis hin zu deutlichen Symptomen einer längst eingesetzt habenden Zersetzung, die in das Stadium der Auflösung übergeht.

Das Krisen-Phänomen selbst besteht nach meinem Dafürhalten im Wesentlichen im Folgenden: Es gibt eine höchstkirchenamtlich postulierte Mitte notwendiger substantieller Identität der kirchlichen Vollzüge im Verbund mit nicht unbeträchtlichen Innovationen in der Präsentation der Lehre, der Liturgie, der Begegnung mit „der Welt" etc., Innovationen gerade um der bleibenden Identität willen.

Allein, jedenfalls was unsere Breiten angeht (und irgendwer sind wir in Europa auch nicht!): Diese postulierte Mitte ist nur in wenigen, elitären Kreisen real existent: im Vatikan, im Opus Dei, bei den Neuen Gemeinschaften (mit Abstrichen). Ansonsten überwiegen die zentrifugalen Kräfte. Bei uns in Deutschland jedenfalls hat sich auf breitester Ebene, in Theologie wie Pastoral (auf entsprechend unter­schiedlichen Niveaus), ein Ideolekt und eine Praxis des Kompromisses etabliert, eines Kompromisses, der zwar die institutionelle Anbindung an Rom wahren will, um jedoch mindestens genauso die „Anschlussfähigkeit" an den säkularen Indifferentismus unter Beweis zu stellen.

Dies führt so weit, dass die deutschen Bischöfe inzwischen Robert Bellarmins (lehramtlich rezipierte) Doktrin vom Dreifachen Band de facto novelliert haben zugunsten der Lehre vom zahlenden Mitglied. Die faktisch gültige Formel lautet jetzt nicht mehr: Taufe samt Bekenntnis des rechten Glaubens und Unterordnung unter die hierarchische Gewalt konstituiert die Kirchengliedschaft; sondern: Taufe plus Kir­chensteuer ergibt den Pfarrer am Grab (natürlich inclusive Heiligsprechung).

Das Realsymbol für diese reale Inexistenz amtlich postulierter Mitte ist die reformierte Liturgie: Die idealtyp-adäquate Umsetzung der von Papst Paul VI. (dessen Andenken ich für mich sehr in Ehren halte!) angeordneten Liturgie ist regelrecht päpstlich reserviert; die Ausnahme macht wohl noch die eine oder andere Bischofskirche. Flächendeckend real existent ist bei uns eine mehr oder weniger freie Anverwandlung des Missale in Funktion eines Libretto.

Was hat dies nun mit der Piusbruderschaft zu tun? Deren Auftritt und Wirken verhält sich zu besagtem Phänomen wie kommunizierende Röhren. Ich kann nicht die Gedanken der Päpste lesen: Aber ihre ‚ratio agendi' im Umgang mit der Piusbruderschaft scheint mir das nicht abdrängbare Wissen um eine Notwendigkeit zu verraten: Der weitgehenden Inexistenz der konziliaren Observanz, wie sie sein sollte, im Verbund mit der weit um sich greifenden materialen Dissidenz steht gegenüber das Material vollständige Bekenntnis zum Katholischen Glauben bzw. zum Lehramt bis ca. 1962 seitens einer Gruppierung, die zwar kirchenrechtlich irregulär ist, deren Entschlossenheit jedoch in den Bann zieht. Da ist einfach nichts zu machen. Und es ist moralisch unmöglich, diese Gruppierung einfach aufzugeben: andernfalls zwar nicht de jure, aber de facto das dia-chronale Schisma Wirklichkeit wird; (gebilligte) Wirklichkeit gemäß der Wahrnehmung seitens der breiten Kirchenmasse. Das, und das allein ist der Punkt.

Aus den verschiedensten Gründen ist nicht jeder für alles gleichermaßen empfänglich: Ich jedenfalls, dessen bewusste kirchliche Sozialisierung in die siebziger Jahre gefallen ist, habe immer das Unbehagen gespürt. Lebhaft erinnere ich mich an die Bilder in den Illustrierten, an den nolens-volens faszinierenden französischen Erzbischof im vollen Ornat, der uns mahnen will, wir sollen richtig katholisch sein. Daneben ein, ich sagte es bereits, ebenso (zumal für ein Kind) Achtung gebietender zart-asketischer Papst auf der Sedia, der es schwer hat, längst nicht nur, aber auch mit diesem Bischof. Beide geraten aneinander. Und dies nahm ich wahr als Sprössling einer Generation, die unsicher geworden war und deren Unsicherheit ich spürte: „Früher war das so, heute ist das nicht mehr ganz so streng. War ja auch manchmal schlimm, was die mit uns ...; aber andererseits, das hätte es nicht gegeben, dass ..." In etwa die Zeit meiner Erstkommunion.

Und so wünsche ich, auch mir persönlich, aber erstlich Mutter Kirche, dass diese bewegte, irgendwie interessante, aber vor allem tragische und böse Geschichte ihr Ende nimmt! Ihr gutes Ende nimmt. – Und da ist das große Hinder­nis für die Aussöhnung: die Sache mit dem Konzil. Ich hege da nun wirklich keine Animositäten, wie ich vom Gesamthabitus her wohl kaum zu irgendwelchen „Militanten" mit Vorlieben für bestimmte Stereotypismen zu zählen bin: das liegt mir gar nicht.

Als Theologe und Dozent mache ich selbstverständlich Gebrauch von diesem Konzil, bis zur Stunde; gemäß meiner theologischen Ausbildung bin ich damit aufgewachsen. Und gleich vorab: ich halte kein Plädoyer für Repetitionismus in der Theologie und der Kirche. Ein Paradigmenwechsel stand seinerzeit an; fragt sich bloß, genau welcher mit welchen Konsequenzen, in der Innovation und der noch entschiedeneren Treue. – Trotzdem, ich wage es einmal anzudenken: Aus den verschiedensten Gründen hat, wie ich schon lebhaft darzulegen gesucht habe, diese kirchenamtlich intendierte Transfiguration der Kirche in Lehrpräsentation, Liturgie und Leben, zugunsten der Wahrung der Substanz wohlgemerkt, nicht geklappt.

Nehmen wir einmal die Lehre von der Heilsnotwendigkeit der Kirche: Über die an sich berechtigte Differenzierung der Deskription dieses Sachverhaltes mit Blick auf die Unzahl von Nichtkatholiken (LG 14-17) hat sich faktisch der Sinn für Folgendes verflüchtigt: nämlich, dass die möglichen verschiedenen Weisen der Anbindung an die Präsenz des Christusheils in der einen Kirche, der rö­misch-katholischen, dort, wo man unter schuldloser Ignoranz faktisch außerhalb steht, eben nur suppletive Weisen der Vermittlung dieses Christusheils sind, deren bloß suppletivem Charakter eine entsprechend mehr oder weniger große Heilsgefährdung entspricht. Die unbedingte eschatologische Dringlichkeit, möglichst alle für die Kirchengliedschaft zu gewinnen, wird nicht mehr gespürt, vielfach sogar bestritten; jene Dringlichkeit, die biblisch schlicht lautet: „Wer glaubt und sich taufen lässt ..." Hinzu kommen eindeutig traditionswidrige und -verfälschende Theologoumena, zum Beispiel in Gestalt diverser „Israeltheologien".

Zur Verdunkelung – und ich meine, spätestens da geht die Anfrage an das Konzil selbst – tragen bei die zu ihrer Zeit sicherlich gut gemeinten Versuche von Brückenschlägen zu den Menschen außerhalb der Kirche, die „guten Willens" sind o.ä. Bei „Unitatis redintegratio" bin ich selbst da noch vorsichtig; da ist vieles Interpretationssache. (Etwas anderes ist die Unkultur jenes Interkonfessionalismus, die bei uns faktisch daraus hervorgegangen und inzwischen zivilreligiös obligatorisch ist: ein echtes Problem.) Aber das Sätzchen, wonach die Kirche nichts von dem verwerfe, was in den anderen Religionen wahr und heilig ist, aus „Nostra aetate 2" hat ganz verhängnisvolle, ja furchtbare Karriere gemacht. Und die Rede von der „Fülle des religiösen Lebens", die in Christus zu finden sei, in just diesem Kontext verleitet zu mehr als problematischen Folgerungen. „An sich" mag man in „Nostra aetate" nichts Falsches finden, wenn man's denn richtig liest; aber nach seinem Gesamteindruck ist es für mich das Skandaldokument des Konzils.

Vor diesem Hintergrund: Was es mit der doktrinellen Präambel auf sich hat, die der FSSPX vorgelegt wurde, weiß ja niemand außerhalb so genau. Jedenfalls stellt sich mir die dringende Frage, ob es wirklich Sinn macht, auf der vollen Annahme des Konzils (mit Kritikmöglichkeiten nur an „Formulierungen") zu bestehen. Freilich, geht es prinzipiell nicht an, betroffene Personen und Personengruppen Auswahlen treffen zu lassen. Und ich möchte mir nun meinerseits nicht die zu simple Argumentation vom bloßen „Pastoralkonzil" zu eigen machen.

Wenn man jedoch bedenkt, dass dieses Konzil mehr als andere ein hermeneutisches Konzil war, es darin also weniger um die Substanz der Doktrin ging als um deren präzisierende Übersetzung in die komplexe Situation „von heute", und wenn just auf diesem (gut gemeinten) Unterfangen so erhebliche Hypotheken lasten: Weist die Zukunft, der Weg, den Gott uns weisen will, da nicht eher in Richtung auf eine „Überwindung"? In dem Sinne, dass man darauf verzichtet, dieses Konzil als Referenzgröße verbindlich zu machen? – Ich wage es hier, als noch relativ Junger die „Alten" in der Kirche mal mit der Anfrage zu konfrontieren: Soll ewig und drei Tage, inzwischen fast ein halbes Jahrhundert später (!), eine Aggiornamento-Agenda wie Blei an uns lasten, deren Programmatik sich dem Fluidum einer Zeit verdankt, die geprägt ist durch Namen wie Kennedy, Chrustchow, Luther King, Willy Brandt („mehr Demokratie wagen")?

Immer noch auf der Angepasstheit an eine Zukunft bestehen, die längst Vergangenheit ist, um das Kairos von heute zu verschlafen? Nein, „Verständigung" ist nicht mehr unser Thema, sondern selbstbewusst-missionarische Präsenz als partikulare Gruppe in der Gesellschaft, entschiedene Konfrontation unter dem Vorzeichen christlicher Friedfertigkeit: die Piusbruderschaft macht uns da einiges vor. Noch einmal anders: Nicht mal kurz „die Fenster öffnen", um dann doch dem Mief der Regression nachzuhängen; vielmehr dorthin gehen, wo der Wind ins Gesicht bläst, denn dort ist die Freiheit, Gottes Freiheit und die Weite, die Er schafft.

(Ich zitiere aus dem Gedächtnis:) „Wir stehen vor den Ruinen einer Kirche: Man predigt Menschenrechte statt Gottesrechte." Auch ich habe einmal über solche Sätze den Kopf geschüttelt, die für Intellektuelle so unter aller Kanone sind. Als wenn da eine Alternative wäre. Aber: Da bestreitet schon mal jemand Christi wahre Gottheit, sein Sühnopfer; und es regt sich nur der eine oder die andere darüber auf ... Richard Williamson gab sein zynisches Interview, und die furorale Hysterie, auch in der Kirche, hält wochenlang an ... Ich weiß, die Wahl meines Beispiels ist sehr verfänglich. Auf gar keinen Fall will ich die Anforderungen eines christlichen Humanismus im Zeugnis für Gottes Menschenfreundlichkeit (Tit 3,4) verleugnen. Aber das Problem ist: Die ‚ultima ratio agendi' auch vieler Bischöfe scheint nicht die Präsenz der Wahrheit und Gnade Christi zu sein, sondern die Anschlussfähigkeit an einen säkularistischen Humanismus, dessen Anforderungsprofil jedoch zunehmendst aggressiver wird ... (wie ein Moloch?) ... Blicken wir auf die real existierenden Verhältnisse: Er hatte reichlich untertrieben, der französische Erzbischof. – Apropos „französischer Erzbischof": ob ein Athanasius redivivus oder nicht, das überlasse ich Gottes Urteil. Jedenfalls ein Mann schier mit dem Format eines Savonarola, der einzige im 20. Jahrhundert.

Was soll ich zum Schluss sagen? „Videant Consules (vel potius Praesules) ...", wenn mich „ganz da oben" jemand hören sollte. Lasst nicht zu, dass die, die eigentlich draußen sind, den Ton angeben, während die, die eigentlich drinnen sind, draußen bleiben müssen! Wir haben inzwischen ganz merkwürdige Frontverläufe: „am rechten Rand", will sagen: wo man sich dem „Ortho-" verpflichtet weiß, jener Rectitudo, deren Maßstab der Allerhöchste ist, kombattiert man schon zum gut Teil zusammen. Ein Aberwitz, die Mode das wieder teilen zu lassen.

„Es muss gehen, wir haben keine andere Wahl."

PD Dr. theol. Klaus Obenauer ist Privatdozent für Katholische Theologie an der Universität Bonn; angestellt als Forschungsassistent am Lehrstuhl für Dogmatik und Theologische Propädeutik von Professor Dr. theol. Karl-Heinz Menke.

 


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